Aus MSKRP N° 3, DER FALL MS CONDOR ex MS. MARKUS S.
fortsetzung
... Viel zu viele Schiffe sind während solcher Stürme auf See gesunken.
Viele, zu viele feine Männer haben dabei ihr Leben verloren, sind gestorben auf havarierten Schiffen, erfroren im eiskalten Wasser auf See, ertrunken im Sog des sinkenden Schiffes.
Keiner dieser Männer hätte sterben müssen, nicht ein einziger, denn kein Schiff ist zum Sinken gebaut worden.
Stürme kann man in den meisten der Fälle umgehen, und wenn nicht, bieten besonders die Küsten Europas für solch extreme Fälle weiß Gott genügend Landschutzmöglichkeiten, wo Schiffe einen sicheren Ankerplatz finden können.
Es ist immer und nur der Mensch, der sich selbst und andere in Gefahr bringt, sei es aus purer Dummheit oder Unerfahrenheit, aus reiner Fahrlässigkeit oder aus Feigheit vor dem Reeder, der nur aus einem fahrenden Schiff Gewinn für sich selbst und seine Kommanditisten zu Buche schlagen kann.
Die drei Ritter des Todes auf See heißen: Inkompetenz, Betriebsgewohnheit und Missmanagement.
Bei uns an Bord erschienen die drei Ritter des Todes in Gestalt des Steuermannes, des Kapitäns und des Agenten in Holland, und sie setzten sich alle drei gleichzeitig zum Ernten bereit und schauten uns stumm zu.
Der des Inkompetenten: Der Steuermann hatte die Pontons im Zwischendeck des schönen Wetters wegen nicht in Position gebracht, sondern nur notdürftig übereinandergestapelt, und obendrein nicht richtig gelascht.
Der des Unachtsamen: Der Kapitän hatte seinem jungen und unerfahrenen Steuermann nicht über die Schultern geschaut und ihn nicht angewiesen, aufgrund der uns bevorstehenden langen Seereise die Pontons, wie es sich gehörte, auf ihre dazu vorgesehenen Positionen zu setzen.
Der des Missmanagements: Welcher Trottel an Land hat bei einem 70-jährigen Kapitän so einen Grünschnabel von Steuermann zugelassen?
Persönlich, wenn ich überhaupt für diesen Zustand mir einen Vorwurf hätte machen können, so hatte ich eventuell nur einen einzigen Fehler gemacht: Aus lauter Betriebsgewohnheit hatte ich mich auf alles und alle verlassen.
Damals aber war der Markus als Kapitän an Bord, und der hatte seine Augen überall, mit ihm wäre das gewiss nicht passiert, denn er hätte bei so einem Fall den Steuermann in den Hintern getreten und ihn sofort angewiesen, die Pontons auf ihre Plätze zu setzen.
Der Markus war aber nicht da, dafür jedoch waren wir an Bord tief in der Scheiße.
Nachdem wir die Batteriekisten gut gelascht hatten, halb im Liegen, durch- und durchgenässt und halb erfroren, uns gegenseitig helfend, schafften wir es wieder, ohne Verletzungen vom Peildeck runter zu kommen und zurück ins Steuerhaus zu gelangen.
Wir waren nicht nur nass, wir waren nicht nur vor Kälte am Zittern, wir waren auch stinksauer.
Gerd hatte in der Zwischenzeit, wie auch immer, in der Kombüse für uns alle heißen Tee gemacht, und so empfing er uns damit, und das brachte uns sofort mehr oder weniger auf besseres und besonnenes Gedankengut.
Erst nach der zweiten Tasse Tee dachte ich, dass es langsam Zeit war, im Maschinenraum eine Runde zu drehen.
Der Fahrtstand auf der Brücke hatte zwar all die Parameter, die ich brauchte, um den Laufzustand der Anlage zu kontrollieren, aber ein Rundgang war sicherer. Mir war auch klar, dass die Alarmanlage in bester Ordnung war, aber ich bin nun mal ein alter Maschinenonkel, der sich immer vor Ort über den Zustand seiner Bullen vergewissern will.
So sagte ich den Herren, dass ich mal kurz in den Maschinenraum gehen wollte.
>Bevor ich mich auch umziehen gehe, wollte ich noch mal mit Gerd kurz im Laderaum nach dem Rechten schauen, könntest du noch eine Weile hierbleiben, Meister?<, fragte Peter.
>Klar, Peter, geh nur<, antwortete ich.
>Aber ihr seid doch vor kaum einer Stunde dort gewesen, was soll denn das?<, fragte der Kapitän trotzig.
>Verdammt noch mal, sind Sie denn so sicher, dass die Scheiß Pontons noch fest gelascht sind? Es ist doch Ihre Schuld, wenn wir in Seenot sind, und beten Sie zu Gott, dass, falls wir es schaffen, heil aus dieser Scheiße raus zu kommen, ich Sie nicht bei der Seefahrtsinspektion bei uns zu Hause anzeige<, fauchte Peter ihn sofort auf Holländisch wieder an.
Der alte Mann verstummte auf der Stelle.
Während Peter und Gerd nach unten gingen, schenkte ich mir noch eine Tasse Tee ein und ging mit meiner Mock nach draußen auf das Steuerbord-Nock, um die beiden im Auge zu behalten.
>Wir haben noch ein paar Spannschrauben und noch ein paar Ketten angebracht, wir haben auch noch mehr Holzkeile und Brettern hingesetzt, das Ganze hatte sich doch etwas frei bewegt. Wir müssen am besten jede Stunde da unten nachschauen gehen, Meister<, berichtete mir Peter eine halbe Stunde später, als er zusammen mit Gerd wieder auf die Brücke kam.
>Wir werden am besten Wachen aufstellen müssen, Kapitän. Ich schlage vor, dass Peter und Gerd sich jetzt schlafen legen, Martin und ich übernehmen die erste Laderaumwache bis zwanzig Uhr, danach sind die dann dran.<
>Ja, Chief, machen wir es so, ich bleibe sowieso hier auf der Brücke<, antwortete der Mann, der doch in ein paar Stunden um Jahre gealtert zu sein schien.
Endlich konnten Peter und ich uns umziehen gehen. Martin hatte ich schon vorher, während die beiden im Laderaum waren, nach unten geschickt, wo er seine nassen Klamotten wechselte.
Gerd hatte sich noch, bevor er wieder auf die Brücke kam, schnell umgezogen, nun waren wir beide dran, und so gingen wir in unsere Kabinen.
Schnell zog ich mich im Badezimmer aus, ließ die nassen Sachen auf den Boden fallen, trocknete mich fix ab und zog mir frische saubere und vor allem trockene Klamotten an.
Luwala lag immer noch selig auf dem Rücken liegend in meiner Koje.
Sie hatte sich zwischen der Matratze und dem Schott eingekeilt, sie musste aber irgendwann aus der Koje gekommen sein, denn sie hatte auf den Boden gepisst.
>Gut für dich, dass du nicht in die Koje gepisst hast, du alte Sau<, sagte ich ihr und ohne mich um ihre treudoofen Augen zu kümmern, legte ich ein paar Putzlappen auf ihre Pisse drauf und ging in den Maschinenraum zu meinem deutschen Bullen.
Dort war wie erwartet alles bestens.
Vorsichtshalber aber tat ich etwas, das ich von Anfang an in unserer Misere aufgrund der übermäßigen Schaukelei hätte tun sollen, ich stellte nämlich den Schmierölseparator ab, ließ den zweiten Hilfsdiesel anlaufen und brachte ihn parallel zu dem anderen aufs Netz.
Das hätte ich wirklich früher tun müssen, denn ein Black-out wäre wirklich das allerletzte gewesen, was wir in so einem Zustand hätten brauchen können.
Danach erinnerte ich mich, dass ich seinerzeit am Schott im Maschinenraum neben der Ballastwasserpumpe an Steuerbord eine zehn Millimeter-Schraube eingeschraubt gesehen hatte.
Dieser Schott ist die Trennung zwischen Maschinen- und Laderaum, und ich wunderte mich sehr, dass jemand so dämlich gewesen sein konnte, dort ein Loch zu bohren.
Ohne lange zu zögern, schraubte ich den Bolzen raus und schon hatte ich eine Verbindung zum Laderaum.
Welches wunderbare Arschloch auch immer das getan hatte, war mir wuscht, insgeheim aber bedankte ich mich bei ihm für seine Dämlichkeit, denn aus dem Loch kam kein Wasser, das Schiff war also noch dicht.
Unterwegs nach oben traf ich Peter, der gerade mit einer Plastiktüte voll Wurstbroten aus der Kombüse kam.
Den bat ich, kurz mit mir in den Maschinenraum zu kommen, dort zeigte ich ihm das Loch am Schott, und gleich darauf, wieder unterwegs nach oben, bat ich ihn, jede halbe Stunde während seiner Wache danach zu sehen, ob Wasser rauskommen würde.
>Wenn ja, dann rufe ich dich<, war seine lapidare Antwort auf meine Bitte.
>Eben, dann schauen wir mal nach, wie groß das Loch im Laderaum ist und springen eventuell alle gemeinsam samt dem Hund außenbords<, hatte ich genauso selbstverständlich geantwortet.
Als ich auf die Brücke kam, war mein erster Eindruck, dass der Sturm am Nachlassen war.
Die Jungs hatten anscheinend ganz andere Sorgen im Kopf, denn als Peter denen sagte, dass er etwas zu essen mitgebracht hatte, stürzten sich die beiden wie hungrige Wölfe auf die Brote und fingen wie die Wilden an zu mampfen.
>Es lässt nach, Chief<, sagte der Kapitän, nachdem er sich zum x-ten Mal bei Ushant Radio gemeldet hatte.
>Diesen Eindruck habe ich auch, Kapitän, es scheint nur noch so gute sieben bis acht da draußen zu pusten<, pflichtete ich ihm bei.
>Es ist noch hell, wenn Sie möchten, könnten wir jetzt doch mal in den Laderaum gehen<, schlug ich ihm vor.
>Dann nichts wie hin, Chief<, antwortete er sofort, und ohne sich um den Steuermann zu kümmern, der immer noch wie angewurzelt neben der Tür zum Steuerbord-Nock stand, rief er Peter am Fahrtstand.
> Es liegen jetzt 315 Grad am Kompass an, sollte die Ruderanlage ausfallen, so geh sofort auf Handsteuerung, und versuche diesen Kurs, bis wir wiederkommen, bei zu halten.<
>Das geht klar, Kapitän, 315 Grad liegen an<, bestätigte Peter. Er nahm seine Stellung am Fahrtstand an, und wir gingen in den Laderaum.
Auch dieses Mal schafften wir es, ohne Probleme dorthin zu gelangen.
Wir bekamen noch nicht mal nasse Füße.
Im Laderaum hatten auch die Geräusche des Schiffes im Sturm nachgelassen, der Hauptmotor jaulte zwar immer noch, aber nicht mehr so oft und nicht mehr so laut wie Stunden zuvor.
Beim Anblick des Raums vorne wurde der Kapitän blass.
>Danke, Chief.< Mehr sagte er nicht, für mich aber war das mehr als genug.
Dort kontrollierte ich den Zustand der Spannketten und Schrauben, ich fand alles wie gehabt, und so zeigte ich dem alten Kapitän die abgerissenen Spannten. Nicht nur die 12 Stück an Steuerbord, sondern auch die 13 Stück an Backbord. Ich ließ ihn auch das abgerissene Ballastwassertankpeilrohr an Steuerbord nochmals begutachten und machte ihm klar, dass gerade das Rohr höchstwahrscheinlich dazu beigetragen hatte oder gerade das verhindert hatte, dass einer der Pontons uns nicht glattweg durch die Wand gegangen war.
>Wie konnte das bloß geschehen?<, fragte der Mann fassungslos
>Sie sind immer auf Großer Fahrt gewesen, Kapitän, dort haben Sie immer gute Steuerleute, gute Bootsmänner und gute Matrosen gehabt. Hier an Bord haben Sie einen unerfahrenen Steuermann und zwei kaum 19 Jahre alte Jungs als Deckbesatzung, unser aller Betriebsgewohnheit tat den Rest, daran sind wir heute fast zugrunde gegangen<, antwortete ich ihm.
>Bei achterlicher See ist dieses Schiff Weltmeister, das schaukelt zwar etwas, aber nicht so viel, die Pontons sind so weit gut gesichert, das Wetter hat merklich nachgelassen, meinen Sie nicht, dass wir doch beidrehen können und unter Landschutz fahren sollten?<, fragte ich anschließend.
>Wie viel Zeit brauchen Sie, um die Pontons wieder in Position zu bringen, Chief?<, wollte er noch wissen.
>Normalerweise keine zwanzig Minuten, nun aber wird‘s wohl eine gute Stunde dauern, Kapitän, mehr nicht.<
>Nur eine knappe Stunde Ruhe und wir könnten weiterfahren<, murmelte der Alte vor sich hin.
>Es gab Leute auf See, die, um ihr Leben zu retten, nur noch weniger Augenblicke brauchten, die bekamen die aber nicht, eine Stunde dagegen sind viele Ewigkeiten, Kapitän. So ist nun mal das Leben, man fährt Tage und Jahre, sogar Jahrzehnte oder ein ganzes Leben zur See, um irgendwann festzustellen, dass man nur ein paar Atemzüge mehr gebraucht hätte, um weiterfahren und um weiterleben zu können. Ja, in der Tat bekamen viele von uns diese Handvoll Augenblicke nicht zugeschrieben.<
>Gut, Chief, Danke noch mal, und nun lass uns nach oben gehen, wir wollen den Dampfer drehen, und hoffentlich behalten Sie auch dieses Mal Recht<, sagte der Mann und ging mit müden Schritten aus dem Raum, nach oben zum Fahrtstand.
>Während ihr im Laderaum wart, hat sich der Steuermann hier beschwert, weil es heute weder ein warmes Mittag- noch ein Abendessen gab<, informierte uns Peter, als wir wieder auf der Brücke waren.
In der Tat, nun wo der Sturm sich langsam ausgepustet zu haben schien, schien auch der Steuermann erwacht zu sein, der den ganzen Nachmittag, aschgrau im Gesicht, verbissen, fast wie betäubt und apathisch, unbeachtet von uns allen neben dem Kartentisch gestanden hatte, der hatte Kohldampf gespürt, und als der Alte und ich im Laderaum waren, hatte der bei den Jungs seine Autorität kundgeben wollen.
Während der Kapitän seinen Platz am Ruder einnahm und dabei den Steuermann der langsam wieder zum Leben erweckt worden war und von seinem Posten neben der Tür zum Radar gewechselt hatte, von oben nach unten fast verachtend anschaute, fragte ich Peter, was er dazu gesagt hatte.
>Nicht ich, Gerd, den hat er kurz am Hals gepackt und ihm gesagt, dass, falls er nur noch ein einziges Wort sagen würde, er ihn außenbords werfen würde<, antwortete Peter in aller Ruhe.
Aus den Augenwinkeln sah ich dann, wie der Kapitän sich schmunzelnd auf die bevorstehenden Manöver vorbereitete und ebenfalls lächelnd fragte ich Gerd, warum er das eigentlich nicht getan hatte.
Bevor der Alte den Dampfer drehte, meldete er sich noch einmal bei Ushant Radio und gab unsere Position durch. Er gab sein Vorhaben an und fragte um Erlaubnis, unter Landschutz fahren zu dürfen.
Das wurde ihm sofort gewährt.
Ushant Radio wünschte uns nochmals eine gute Reise, und der Alte machte sich bereit, das Schiff zu drehen.
Souverän schaute der alte Sack nach draußen zu den anrollenden Wellen, noch waren wir nicht so ganz aus dem Schneider, Rasmus da draußen aber hatte vorläufig aufgehört, den ganz wilden Onkel zu spielen.
Er blies uns zwar immer noch seine guten sechs bis sieben Windstärken ins Gesicht, und das Meer war immer noch ziemlich rau, wir konnten aber bei so einem Wetter unser Schiff drehen, und das war die Hauptsache.
>Okay, es geht herum, meine Herren<, warnte uns der Kapitän, als er den Fahrthebel bis zum Anschlag nach vorne drückte und das Ruder hart nach Backbord setzte.
Daraufhin schien die Condor, als meinem Bullen losbrüllten, sich fast überrascht erst mal zu schütteln, , dann aber, zuerst fast zögernd, sozusagen diesen neuen Zustand erst mal testend, dann aber immer schneller, fast frenetisch, nahm sie Fahrt auf, und im Nu drehte sie sich wie auf einem Teller und zeigte alsbald dem Rasmus und seinem Sturm ihren breiten Hinter.
Kurze Zeit später, während Peter uns in der Kombüse ein warmes Abendbrot zubereitete, ließ ich Luwala, die bestimmt auch Hunger hatte, aus meiner Kammer raus. Bevor sie aber nach unten vor die Kombüse ging, marschierte sie schnurgerade bis zu der wasserdichten Tür zum Bootsdeck im Gang und blieb davor stehen.
Als ich die Tür aufmachte, schaute sie sich erst mal, so wie es ihre Art war, vorsichtig um. Das Schiff schaukelte zwar noch etwas, das Rollen war jedoch erträglich und ungefährlich, fast gemäßigt und behaglich. Mit einem kurzen freudigen Schritt ging Luwala an Deck, und im Windschutz des Schornsteins kackte und pisste sie uns abermals das Deck voll, die alte Sau, die.
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