Aus MSKP N° 5 "DIE WERFT"
…..Folglich erfuhr ich, als ich dann zwei Monate später übers Wochenende nach Hause auf Besuch kam, dass das Monument schon gebaut und eingeweiht worden war.
Der Depp hatte sich in seiner Wahnvorstellung von Monumenten und Emigrantenschicksal eine mannsgroße Bronzestatue ausgedacht, die am Bahnhof, als Wendepunkt vieler friaulischer Emigrantenleben und Schicksale in der Welt, anzusehen war.
Wobei am Fuß der Statue ein einfacher Koffer, der mit einem Strick zusammengehalten sein sollte, nicht fehlen durfte.
Das alles aus Bronze, versteht sich.
Die mannsgroße Bronzestatue sollte nach Norden mit einem Arm weisend in alle Ewigkeiten die zukünftigen Generationen an das harte Los ihrer Vorväter erinnern, die in der Dunkelheit der Fremde ziehen mussten, um denen, die daheim geblieben waren, eine bessere Zukunft zu ermöglichen.
What the fuck!
Meine Fresse, da war wirklich was los gewesen, es wurde, wie man mir sagte, verbissen darüber diskutiert, in jeder Osteria, in jeder Bar, überall sprach man nur noch von dem Monument an die Emigranten.
Jeder Arsch im Dorf sprach darüber, nur die Emigranten nicht, denn die fanden das Ganze einfach lächerlich.
Man ließ es auch sein, uns danach zu fragen, denn mehr als einer dieser Pro-Monumentum-Deppen wusste allzu genau, dass der eine oder der andere einen Tritt in den Hintern oder ein schnelles Eintauchen in den Bach, der durch das Dorf schlingerte, um ihre Ideen zu erfrischen, insbesondere von mir persönlich, riskiert hätte.
Nichtsdestotrotz wurde das Monument letztendlich doch gebaut, aber nicht eine mannsgroße Bronzestatue mit dem Kartonkoffer, der mit Schnur zusammengehalten war und brav bei Fuß und dem weisenden Weg nach Norden zeigend, so wie der eine Depp es sich in seinen Wahnvorstellungen erträumt hatte. Nein, das nicht, das konnte sich nämlich die Pleite gegangene Kommune überhaupt gar nicht leisten. Der Pleitegeier war da auf dem Dach des Rathauses, das Geld war alle, kein Geld, keine Statue, so einfach war das und so begab man sich, in den leeren Gemeindekassen auf die Suche nach Geld.
Am Ende des mühseligen Ergründens fand man doch ein bisschen Geld, nicht viel, aber genug, um davon einen ein Meter hohen Granitblock zu ergattern und diesen von erhabener akademischer Bildhauerhand mit ein paar akademischen Hammerschlägen veredeln zu lassen.
Nicht am Bahnhof, nein, denn allen Edelgedanken des Oberdorftrottels dem harten Emigrantenlos zum Trotz konnte das Monument nicht am Bahnhof gebaut werden, denn sonst wären dort die Parkplätze für die Anlieger noch spärlicher geworden.
Bei der alten Grundschule im Vorgarten, unter den Bäumen, dort wo die Vöglein zwitschern und Generationen von zukünftigen Emigranten als ABC-Schützen so wie ich, Lesen und Schreiben lernten, dort fand der von akademischer Hand mit ein paar Hammerschlägen somit Geadelte und auf so nobles Gedankengut designierte Granitklotz seinen von Gott und den Deppen des Dorfes rechtmäßigen vorbestimmten Platz.
Die hatten es tatsächlich getan, diese Vollidioten, bei der monumentalen historischen Monumenteneinweihung sollen sogar ein paar Dussel aus der regionalen Verwaltung aus Udine und, so meinten später böse Zungen, allesamt dicke und fette Freunden des Architekten gewesen sein.
Schulkinder, urbane Ordnungshüter, einige, die noch alle Tassen im Schrank hatten aus Neugier, der Rest der festlichen Menge, die Schwachköpfe des Dorfes eben als solche, nämlich als amtlich anerkannte Dorfdeppen, als stolze Vollidioten.
Die Dorffanfare, sagte man mir, die war nicht dabei, nein, die konnte nicht dabei sein, weil es seit einigen Jahren schon gar keine Dorffanfare mehr gab, und für ein Stadtorchester hatte man kein Geld.
Außerdem waren all die Musikinstrumenten, wie man so hörte, schon vor langer Zeit an besser stehende Kommunen der Umgebung verkauft worden, um an Bargeld ranzukommen.
Für das Monument musste auch einen Baum Federn lassen, der Baum war mindestens 90 Jahre alt, und ein unterirdisches Telefon- oder Stromkabel musste auch deswegen umquartiert werden.
Der Preis? 60.000 DM, so viel Geld schien noch da gewesen zu sein.
Wer sucht, der findet, so sagt man doch, oder?
Es muss so sein, denn die Archäologen des Geldes im Rathaus mussten bei ihrer akribischen Geldsuche so erfolgreich gewesen sein, dass die noch mehr Geld gefunden haben müssen.
Anders kann es nicht sein, denn sonst kann ich mir nicht vorstellen, woher das Geld kam, das die Kommune ausgab, um die Piazza Garibaldi mit teurem Granitkopfsteinpflaster zu bepflastern, vorher aber musste der zwar ausbesserungsbedürftige, aber keineswegs marode Asphalt ausgetragen werden und das muss, vor allem in der Entsorgung, sehr teuer gewesen sein.
Das muss teuer gewesen sein, weil kurz darauf, wie meine Freunde mir später berichteten, der kommunale Zirkus seinen totalen endgültigen Bankrott erklärte, und der Bürgermeister trat zurück.
Die täglichen administrativen Dienste an die Bevölkerung, dem aufrichtigen Pflichtbewusstsein der kommunalen Angestellten sei Dank, gingen aber reibungslos weiter.
Die Bürgerschaftsmitglieder, ein bunter zusammengeworfener Haufen Gehirnamputierter aus 1000 und einer Partei, diskutierten wie konspirative Anarchisten fortan tagtäglich bis tief in die Nacht über eventuelle Notmaßnahmen.
Über alle möglichen und unmöglichen bequemen Zeitallianzen, um sich die Behaglichkeiten einer weiteren Mitgliedschaft in der Bürgerschaft zu sichern, kämpften die mitein- und gegeneinander, fast bis aufs Messer.
Um ihren schamlosen verantwortungslosen Umgang mit öffentlichen Geldern weiter treiben zu können, tagten die, bis ihre leeren Köpfe qualmten.
Es nützte Gott sei es gedankt alles nichts, denn es war schon seit langem zu spät, der Pleitegeier hatte seiner Bankrotteier gelegt und ließ sich nicht mehr wegscheuchen und außerdem, war die kommunale Kasse so oder so leer.
Wo kein Geld zu verwalten ist also, kann auch, weil es nichts zu verwalten gibt, nicht verwaltet werden, daher braucht man auch keine Verwaltung mehr.
Als die per Verfassung festgelegte Frist, um einen neuen Mann zu finden, der verwalten sollte, was nicht mehr in der kommunalen Kasse zu finden war, nämlich Penunzen, verstrichen war, löste sich die Bande der Geldanarchisten auf, und aus Rom kam ein Kommissariatsverwalter.
Man weiß bis heute nicht so genau, was der höher Verwalter aus Rom in Codroipo bei Udine verwalten sollte, er war aber nun mal da, und etwas verwalten musste ja der Onkel, sonst wäre er doch kein Verwalter gewesen, nicht wahr?
Er kam also, er sah sich um und fing an zu verwalten.
Als erstes Opfer der verwaltenden Sparmaßnahme des hohen Verwalters bewies der hohe Verwalter aus Rom kühne Intelligenz und eiskalten Verstand, um wenigstens ein paar nicht existierende Lire retten zu können
Anstatt den Emigrantengranitklotz an den nächstbesten bietenden Steinmetz zu verkaufen und somit wenigsten etwas Bares für die leeren Kassen des Dorfes zu ergattern, fiel der Zuschuss der Kommune für das jährliche Schutzpatronfest des Dorfes unter seinem roten Filzstift als Erstes weg.
So, das war seine erste Amtshandlung.
Kraft seines Amtes machten seine drakonischen Sparmaßnahmen noch nicht mal vor unserem Heiligen Simon halt.
Seitdem tanzte der Heilige alte Simon an seinem Namenstag nur noch im Regen. Er war sowieso ziemlich verwirrt über die Tatsache, dass man ihm damals ein kleines Bauerdorf anvertraut hatte und er nun auf eine Stadt voll von Dorftrotteln bei gleich bleibendem jährlichen Tribut aufzupassen hatte und deswegen ziemlich sauer auf seinen Boss sein musste.
Seine Schützlinge hatten kein bajuwarisches Bier und kein Tanzzelt mehr und keiner von denen, gerade weil Bankrotteure kein Wortrecht haben, muckste auf.
In diesem Scheißdorf, das kein Dorf mehr ist, wird auch immer seltener geheiratet, dem ungeachtet, oder gerade deswegen, ist das Dorf in meinen Augen das größte Puff in ganz Friaul geworden.
In Puff- und in Nuttenbeurteilung bin ich als Seemann Weltmeister, daher weiß ich, wovon ich rede, denn ich erkenne eine Nutte, sobald ich eine sehe.
Ich rieche einen Puff meilenweit gegen den Wind, und sobald ich in der Nähe bin, weiß ich, mit was für einem Puff ich es zu tun habe, und Codroipo in Friaul ist ein Scheißpuff.
In meiner Jungendzeit hier im Dorf war ein Mann ein Mann.
Arschlecker und Arschkriecher gab es damals auch, aber nicht so viele. Faule Säcke gab es damals auch, aber nur ein paar, wirklich nur ein paar.
Heutzutage ist das ganze verdammte Dorf eine riesengroße Kloake aus zynischen persönlichen Interessen, aus geistiger Prostitution, aus Servilismus und aasigen Lakaien geworden.
In dieser Gegend, während es viele Männer hinzieht zu den albanischen oder brasilianischen Nutten und Zwitterbanden, die ihre Geschäftsstellen längst des Tagliamento-Flusses hinter den Büschen im Flussbett oder am Straßenrand aufgemacht haben, während manch andere zu den besseren Puffs in Jugoslawien fahren und sich die Pest am Arsch holen und viele Weiber im Dorf sich anderswie helfen, wächst im Dorf eine ratlose Jugend heran, die sich nur an den Beispielen, die sie vor Augen hat, orientieren kann und das wiederum, verspricht nichts Gutes.
Wahrheitsgemäß muss man aber auch sagen, dass sich seit einiger Zeit, so wie man hört, einigen Jugendgruppen zusammengetan haben, um die alten Traditionen des Dorfes wieder aufleben zu lassen und es sieht so aus, dass der Pleitegeier auf dem Rathausdach seine Koffer zu packen gedenkt.
Time will tell.
Mit meinem Dorf, das nur noch dienstags wieder zu erscheinen vermochte, war ich aber trotzdem innerlich fertig.
Aus meinen Jugendfreunden war ein Haufen resignierter alter Säcke oder geldgieriger Kleinkramhändler geworden.
Die paar Tage, die ich noch im Dorf blieb, verbrachte ich fast nur noch zu Hause und ließ alle links liegen.
Mit der Runde der Tocai Freunde traf ich mich auch nur noch ein- oder zweimal, mehr nicht, denn letztendlich waren wir zu verschieden, zu anders geworden, zu weit voneinander entfernt, uns verband die Erinnerung an das verschwundene Dorf, mehr nicht.
Von all den anderen blieb ich fern, denn hier so wie in Bremen bekomme ich in Gesellschaft solcher Bazillen immer die Krätze und das mag ich nicht.
Der Köchin in Komárno hatte ich Gemüsesamen und Gewürze aus dem Friaul versprochen, die besorgte ich mir an dem Dienstag vor meiner Abreise auf dem wöchentlichen Freimarkt und ein paar Tüten mit Blumensamen nahm ich ihr auch mit.
Am Tag vor meiner Abfahrt traf ich auf dem Markt auch ein paar alte Bauern von damals, die ich schon lange tot geglaubt hatte.
Es war mir eine wahre Freude, diese alten Menschen mit dem markanten, wie aus Granitfelsen gemeißelten Gesicht und dem festen wohlmeinenden Händedruck, wie ihn damals die Menschen hatten, zu einem Glas Tocai einzuladen und als sie dann langsam nach Hause gingen, kam es mir so vor, dass mit denen gemeinsam auch das Dorf wieder verschwand.
Zu Hause war alles bestens, meine Eltern genossen immer noch beste Gesundheit, den paar Leuten, die mir im Dorf noch etwas bedeuteten, ging es auch nicht schlecht.
Hoch lebe das Dorf also.
Frühmorgens am nächsten Tag am Bahnhof, zwischen all den Studenten, die nach Udine zu Schule fuhren, saß ich alter Sack mit meiner Reisetasche in der Hand, mit den Gewürzen, den Blumen und Gemüsesamen für die Köchin, dem Grappa-Schnaps für den morgendlichen Kaffee bei mir im Büro mit Jan, mit dem Käse und der Salami, den warmen Wollsocken und dem Pullover, den Mutter mir vorsorglich eingepackt hatte, als der Zug ankam, da hätte ich fast lauthals lachen müssen.
Da kam ich mir wirklich wie ein alter Emigrant vor, der schweren Herzens zu dem kalten und fremden Norden zieht, um für sich und seine Familie eine bessere Zukunft zu gestalten.
Da grinste ich aber nur und im Stillen wünschte ich den großkotzigen Schweinehunden, die das Dorf zerstört hatten, den Dünnschiss an den Hals.
Als der Zug sich in Bewegung setzte, wurde ich auf einmal fast schlagartig in Gedanken wieder auf die Werft bei meinem Schiff an Bord katapultiert.
Das Dorf, das kein Dorf mehr sein konnte, weil es auf dem Papier eine Stadt geworden war und keine Dorfkirche, sondern auf einmal eine Kathedrale vorweisen konnte, verschwand langsam hinter mir in die Ferne.
Es würde fortan nur noch in meinen Erinnerungen gegenwärtig bleiben, denn ich war damit endgültig innerlich fertig, ich hatte mich davon nach so vielen Jahren endlich voll abnabeln können, das Dorf und meine Heimat würden fortan nur noch in meinen Erinnerungen weiter leben, wo es keinen Platz für Volkszuhälter, Kleinkramhändler und Dorfdeppen gab, und das war‘s eben.
Samstag, 1. August 2009
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