Donnerstag, 1. Oktober 2009

TANJA

Aus MSKRP n° 1 „DER FALL MS. EL CASTILLO“ ISNB 3-86516-375-0
Aus der Reihe: Ein Haufen von Vollidioten ist am Werk.

….Wenn das Dante-Inferno irgendwo eine feuchte Ecke hat, so müsste das sein, wie die Hollywood-Bar in Sousa auf der nordwestlichen Spitze Kretas sich gegen 2 Uhr morgens präsentierte.
Die Bude war rammelvoll und wir, die Möchtegern-Waffenschieber, UNO-Blockadebrecher und eventuellen islamischen Terroristenhelfer zugleich, umringt von gut und gern 50 UNO-NATO-Soldaten, tranken um die Wette, während die blauen Jungs mit ihren Fotoapparaten auf Teufel komm raus Erinnerungsfotos knipsten.
Die knipsten das Lokal, unsere „Reederei“-Inspektoren, den „Kapitän“ mit uns, mit jedem, und auch den Cesar, unseren indonesischen Motormann, der sich, angetan von so vielen knackigen jungen Ärschen, selig und wonnig in der Gegend umschaute.
Schlagartig, wie sie zu später Stunde mit ihren Bussen aus den Sehenswürdigkeiten Kretas gekommen waren, so schnell verschwanden die blauen Jungs auch wieder, und gegen 3 Uhr waren alle weg.
»Die müssen spätestens um 4 Uhr an Bord sein«, erklärte uns die Mama-san des Lokals und erst dann merkte ich, dass unsere Kameraden sich auch still und leise irgendwann aus dem Staub gemacht hatten.

In der Hollywood-Bar herrschte in den frühen Morgenstunden nach einer wirklich teuflischen Nacht wieder Ruhe im Puff.
Die britischen UNO-Marine Infanteristen auf Urlaub von ihren Einsätzen in Jugoslawien sowie die Matrosen der Royal Navy, die die lachhafte Seeblockade an Jugoslawien aufrecht hielten, waren an Bord ihrer Schiffe am Anker in die Bucht zurückgefahren, sodass wir nun die Bar für uns alleine hatten.
Gerade hatte ich die beiden Inspektoren aus Holland verabschiedet, nachdem ich denen klar gemacht hatte, dass den 45 Jahren Alte MS. El Castillo auf gar keinem Fall das geeignete Schiff war, um Waffen nach Jugoslawien zu den Bosniaken zu schmuggeln, und denen nahe gelegt hatte, sich ein besseres Schiff zu besorgen und nicht ein Wrack, das zwar mit funkelnagelneuen Zertifikaten versehen worden war, aber einfach nicht fahren könnte, weil die gesamte Anlage schlicht Schrott war.
Die hatten uns 500,- DM zum Weitersaufen gegeben und waren zurück nach Chaniá gefahren, von wo aus sie am nächsten Tag über Athen zurück nach Holland flattern wollten.
Wir, Hans und ich, saßen nun alleine an der Theke, unsere Kollegen waren vor einigen Stunden schon wieder an Bord getorkelt, wir beide hatten aber noch keine Lust schlafen zu gehen und so genehmigten wir uns den berühmt-gefürchteten „One for myself and one for the road“-Drink.
Die beiden hübschen Mädchen aus Russland, mit denen wir uns einige Male schon in den vergangenen zwei Monaten unterhalten hatten, waren immer noch beschäftigt, mit ihrer griechischen Mama-san das Lokal wieder auf Vordermann zu bringen, sie ließen uns nicht aus den Augen und waren sofort zur Stelle, für Nachschub zu sorgen, sobald unsere Gläser leer waren.
Seit einigen Stunden schon hatte ich von Bier auf Wodka mit Orangensaft umgeschaltet, das mache ich immer, denn das ist eine gesunde Gewohnheit von mir, denn wenn ich merke, dass ich mal langsam besoffen werde oder gar schon geworden bin, dann steige ich sofort auf die rettende und unterstützende Mischung aus viel Wodka auf Eis mit Orangensaft um - und je mehr ich davon trinke, desto nüchterner werde ich.

Tanja, das Mädchen, mit dem ich mich immer gerne unterhielt, kam an die Theke, als sie alle mit der Ordnungsmacherei fertig waren, und setzte sich auf den Hocker neben mir.

»Warum bist du nicht wie versprochen vorige Woche zu mir gekommen, Franco?«, fragte sie mich vorwurfsvoll, als sie ihre Ellbogen leicht in meine Rippen haute.
»Warum bloß nicht, gefalle ich dir vielleicht nicht?« fragte sie noch.
Ohne auf ihre Frage einzugehen, drehte ich mich auf meinem Hocker nach ihr um, sie tat das Gleiche auf dem ihren, unsere Knie berührten sich.
Ich hatte sie nun sitzend vor mir.

Sie mit ihrem kurzen schwarzen Kleid.
Sie mit ihren wohlgeformten nackten Beinen.
Sie mit ihrem sündhaft tiefen Ausschnitt, ihrem prallen Busen, ihrem langen blonden Haar.
Sie mit ihrer Jugend.
Sie hatte sich mit dem linken Arm auf den Tresen gestützt und schaute mich erwartungsvoll, sinnlich und herausfordernd zu gleich an.
Meine Gedanken an eine ruhige Nacht verschwanden langsam in weiter Ferne, bis sie fast nicht mehr vorhanden und wahrzunehmen waren, denn Tanja war wirklich mehr als eine Sünde wert.
Ich legte meine weit geöffneten Hände auf ihre einladenden Schenkel und schob sie langsam nach oben, ganz hoch zum Eingang ihres Schoßes, ich beugte mich zu ihr und küsste sie sanft auf die Stirn.
»Ich hatte viel Arbeit zu erledigen, Tanja, darum konnte ich nicht zu dir kommen«, sagte ich leise, während meine Hände wie von einem Magnet magisch angezogen sich ihren Weg zwischen ihre Beine bahnten.
»Njet robotti, alter Bär, du hast nur gesoffen, ich weiß es«, antwortete sie mir mit Nachdruck.
Sie richtete sich wieder auf und legte ihre Hände auf die meinen zwischen ihre halbgeöffneten Schenkel, sie drückte meine Hände tief in die einladende Wärme ihres Schoßes und presste dann ihre Beine zusammen.
Währen das ganze Lokal sie wie in ein Wechselbad aus Lichtern und Musikklängen umhüllte und die bunten Lichter der Tanzfläche auf ihrem blonden Haar tanzten, wurde mir klar, dass ich ihr hoffnungslos ausgeliefert war und, dass es mir verdammt schwer fallen würde, von ihr wegzukommen, wenn überhaupt.
Sie öffnete kurz ihre Beine wieder und gab unsere Hände frei und ich nahm ihr Gesicht zwischen meine Hände und küsste sanft ihren feuchten Mund.
»Bleib bei mir, lass mich heute Nacht nicht allein«, flüsterte sie.
»Tanja, versuch bitte, mich jetzt zu begreifen, du bist ein sehr schönes Mädchen und ich mag dich sehr, aber ich habe mich seit drei Tagen nicht mehr duschen können, weil wir auf eine neue Wasserpumpe warten, morgen aber gehe ich bei Niko ins Hotel duschen, dann komme ich zu dir, Okay?«
»Njet«, sagte Tanja resolut, sie sprang von ihrem Hocker, ging mit langen Schritten hinter den Tresen, von dort nahm sie eine Flasche Sekt, danach kam sie wieder an mir vorbei und ging langsam bis zur Tanzfläche, wo sie unter der drehenden Lichterkugel stehen blieb.

Ein fast unrealistisches Bild entstand vor meinen Augen, und während Tanja stehen blieb wie eine Statue unter der bunten Lichtquelle unter den tanzenden Lichtern, die wie sanfte Hände diese makellose Erscheinung liebkosten und wie berauscht um sie und an ihr wie kleine, lustige Kobolde, die sich an ihrer guten Fee erfreuen und dabei blitzschnell ihre Farbe von Indigo zu Grün von Gelb zu Knallrot wechseln, schien alles in mir zu explodieren, und als sie sanft meinen Namen rief, folgte ich, fast von den bunten Lichtern getragen, ihrem Ruf.
»Komm mit, du alter Bär, du brauchst ein Bad«, hauchte sie mir ins Ohr, als ich bei ihr war, um mich zusammen mit den bunten Lichtern mit ihr zu berauschen.
Wir liebten uns nicht an dem Morgen oder besser gesagt, wir liebten uns schon, aber ohne Sex.
Wir tranken nach einem wunderschönen, langen, gemeinsamen Bad unsere Flasche Sekt leer, danach lagen wir eng umschlungen im Bett.
Dort hörte ich ihr zu, wie sie mir von ihrer Heimat erzählte.
Sie sprach von ihrem Freund, dass Sie daheim in Russland bald heiraten wollte, von ihrem Willen, ihr Studium wieder aufzunehmen, um Kinderärztin zu werden und dass Sie selbst irgendwann einige Kinder haben wolle.
Ohne falsche Scham erzählte sie mir auch von ihrer Arbeit in der Hollywood-Bar und wie sie dazu gekommen war, wie toll, wie wunderschön hier im Westen alles für sie war.
Sie wollte auch irgendwann zusammen mit ihrem Freund mal nach Rom, nach Venedig, nach Paris fahren, einmal auch Berlin und den Rest von Deutschland besuchen, und ich lag nur da und hörte, , ergriffen, wortlos, ja, aufmerksam hörte ich zu, wie diese Fabelerscheinung von sich und ihren Wünschen sprach, und ich konnte nicht genug davon bekommen.
Der Klang ihre Stimme, das rhythmische Schlagen ihres Herzens, die Geborgenheit ihrer Arme, ihre Wärme, all das war wie Erlösung für meine Seele.
Nach all den Nächten an Bord der El Castillo, in Gesellschaft dicker fetter Ratten, einem fast alkoholisierten Kumpel und einer schmierigen kleinen indonesischen Tunte als Motormann, fühlte ich mich endlich wieder als Mensch.
Nach all den Ängsten und Hoffnungen der vergangenen Zeiten hatten die paar Stunden, die ich in ihren Armen verbrachte, mir wieder Mut und Hoffnung gegeben und ich war ihr sehr dankbar dafür.
Irgendwann schliefen wir doch ein, die lange Nacht, die vielen Drinks, die wir gehabt hatten, die Biere, die Wodkas mit Orangensaft und der Schampus, dies alles hatte uns jeglichen Willen abgenommen, geraubt und zerstört zu gleich.
Wir waren nur noch müde, voll wie tausendundeine Russin und wollten nur noch pennen.
Gemeinsam erwachten wir gegen Mittag, als jemand an die Zimmertür klopfte. Widerwillig zog sich Tanja das Nachthemd an, das am Boden, neben dem Bett lag, und ging schlaftrunken zur Tür.
Ihre Freundin stand davor, ebenfalls im Nachthemd, sie hatte zwei Tassen Kaffee mitgebracht, die beide unterhielten sich leise miteinander für ein paar Momente auf Russisch, dann kam Tanja wieder ins Zimmer zurück.
»Hans schläft noch«, sagte sie mir, als sie mir die Tasse Kaffee gab, ich trank gierig aus der lebensspendenden heißen Tasse, das tat mir gut, jedoch hatte ich nur noch Augen für diese makellose junge Frau, die auf der Bettkante neben mir mit ihrem durchsichtigen Nachthemd saß.
Im gedämpften Licht ihres Zimmer, als ich an dem Morgen Tanja sah, erwachte ich wie aus einem langen, nutzlosen, unsinnigen Winterschlaf, und ich wollte sie nur noch liebkosen und lieben und nie wieder allein sein.
Sie stellte ihre Kaffeetasse auf die Nachtkommode, zündete dann gleichzeitig zwei Zigaretten an und gab mir eine davon.
Für eine Weile tranken und rauchten wir, ohne ein Wort zu sagen, wir schauten uns nur an, so wie zwei Raubtiere sich vor einem Kampf um Leben und Tod belauern und überprüfen, so schauten wir uns an.
Wortlos und unbeweglich, unsere Zeit war gekommen, das wussten wir, wir hatten aber keine Eile, wir wollten nichts überstürzen, es war einfach zu schön, so wie es war, wir waren zusammen, wir wussten, dass wir uns gleich lieben würden, aber wir warteten ab, so als ob wir beide die gleiche Angst spüren würden, denselben Gedanken hatten. Nämlich, dass eine falsche Bewegung, ein falsches Wort uns diesen wunderbaren Moment der gegenseitigen Begierde für immer rauben und einfach zerstören würde.
Tanja nahm dann meine Zigarette aus meiner Hand und drücke sie zusammen mit der ihren in dem Aschenbecher aus.
Ohne mich aus den Augen zu verlieren, stand sie auf und ließ ihr Nachthemd über ihre Schulter gleiten und zu Boden fallen.
Sie war einfach wunderschön, sie wollte geliebt werden und sie ließ es mich auf diese wunderbare Weise wissen.
Sie sank zu mir ins Bett und mit ihr versank um uns der gesamte Planet, es gab nur noch uns und niemand anderen mehr.

Nix finito, von wegen hier finto, fortsetzung folgt, aber langsam, piano, piano, ein alter Mann ist ja doch kein D-Zug, oder?