Donnerstag, 31. Dezember 2009

TANJA

Aus “DER FALL MS. EL CASTILLO“ ISBN 3-86516-375-0

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück im Hotel gingen wir beide los, auf Entdeckungsreise durch die Stadt, wo ich für die nette und zuvorkommende Sekretärin einen Blumenstrauß kaufte. Vorsichtshalber hatte ich Tanja vorher darüber aufgeklärt, für wen die Blumen waren und warum, denn ich wollte an dem Tag auch noch kurz beim Agenten vorbeischauen und Auf Wiedersehen sagen.
Wir brauchten aber nicht bis zum Agentenbüro zu gehen, denn den trafen wir gerade, als er aus der Kaffeebar neben dem Biergarten am Hafen rauskam, und er lud uns zu einem Espresso ein.
»Gut, dass ich Sie treffe, Chief, denn ich wollte Sie sowieso heute bitten, mal kurz bei mir im Büro vorbeizuschauen, da hätte ich ein paar Fragen in Bezug aufs Schiff an Sie zu richten.«
Tanja merkte sofort, dass es um Arbeit ging und mit dem Vorwand, am Zeitungskiosk nebenan ein paar Ansichtskarten kaufen zu wollen, ließ sie uns zur großen Erleichterung des Agenten diskret allein.
»Was glauben Sie, was mit dem Schiff geschehen wird, Chief?«, fragte er in seiner direkten Art und Weise, sobald wir uns an einen Tisch gesetzt hatten.
Er hatte für mich einen Espresso bestellt und schaute mich fragend an.
»Abwarten, ich würde einfach in meinem Büro sitzen und warten, die Operation wird ganz bestimmt aufgrund des Zustands des Schiffes abgeblasen werden. Dieser Flug nach Rotterdam, um Sachen zu kaufen, die wir hier auch kaufen können, ist in meinen Augen nur ein Vorwand, mich loszuwerden. Der Kapitän hat keine andere Wahl mehr, entweder Kaufen oder Abblasen, er weiß, dass ich mich nicht für irgendeine andere Sache abgeben würde, also weg bin ich, und ich bin sogar sehr froh darüber.«
Er nickte vielsagend und wartete, bis der Kellner, der mir den Espresso brachte, wieder wegging
»Was würden Sie persönlich mit so einem Schiff machen, außer verschrotten natürlich?«, fragte er weiter.
»All die Schiffszertifikate sind dank dem einen Lloyds-Register-of-Shipping-Inspektor in Cabo Verde, für die nächsten vier Jahre auf dem Wrack für gültig gekürt worden. Also, ich würde das Schiff in dem Inselverkehr einsetzen und falls das Schiff nach einer Ladung Marmorböcke aus Kawallas zum Beispiel ein Leck bekommt und in zweitausend Meter Wassertiefe verschwindet, wird die Versicherung zahlen müssen. LRoS in Cabo Verde hat es ja bestätigt, dass das Schiff seetüchtig ist. Es wäre also ein „Act of God“, wie die Herren es in solchen Fällen zu formulieren pflegen, nicht wahr?«, antwortete ich eiskalt.
»Wie viel würden Sie für so ein Schiff zahlen, Chief?«, forschte der Agent weiter.
»30.000 US-Dollar wären fast viel zu viel, auf jedem Fall genug«, antwortete ich.
Der Hauch eines enigmatischen Lächelns ging über sein Gesicht, als er ein paar Drachmen auf dem Tisch legte und aufstand.
»Hier«, sagte ich, »ich habe mir erlaubt, für Ihre Sekretärin diesen Blumenstrauß zu kaufen, würden Sie bitte so nett sein, ihn ihr zu geben«, sagte ich, als ich ihm die Blumen überreichte.
Er nahm nickend die Blumen an sich: »Leben Sie wohl, Chief, schade, dass ich für Sie keine Verwendung habe, sonst würde ich Sie hier behalten wollen, glauben Sie mir«, sagte er noch und ging weg, gerade als Tanja wiederkam.
Mit ihr war ich kurz darauf wieder auf der Straße, wir hatten kein genaues Ziel, keine Eile, warum denn auch, so schlenderten wir langsam die Hauptstraße entlang, dort, wo die Geschäfte waren. Ohne Eile bummelten wir an den Schaufenstern entlang, bis wir an einem Herren- und Damenbekleidungsgeschäft standen und dort lotste ich sie hinein.
»Was sollen wir hier?«, fragte sie verdutzt.
»Etwas Schönes für dich kaufen, junge Dame. Was möchtest du denn haben, Jeans oder ein Kleid?
»Jeans wären mir lieber, denn Kleider kann ich mir selbst nähen«, erwiderte sie und peilte prüfend in die Gegend, bis sie die Damenabteilung fand und wie ein Kind in einem Spielwarengeschäft freudestrahlend dorthin ging.
Sie wusste, was sie wollte, in kurzer Zeit hatte sie sich ein paar rote Jeans ausgesucht und auch anprobiert.
»Passt genau«, sagte sie, als sie aus der Ankleidekabine rauskam und, um es mir zu zeigen, sich kokett um ihre eigene Achse drehte.
»Für schöne Frauen wie du, die in solchen engen Jeans durch die Straßen marschieren, sollte man am besten den Waffenschein einführen«, bemerkte ich bewundernd, »du siehst fabelhaft aus, Kleines, ich würde aber noch eine gelbe und eine schneeweiße dazu holen, die passenden Jacken und T-Shirts aber auch«, munterte ich sie auf.
Strahlend vor Freude und im Einkaufsfieber ging sie wieder los und dieses Mal nahm sie sich Zeit. Am Ende hatte sie alles ausgesucht und ausprobiert, mir alle drei Garnituren vorgeführt und nach meiner Meinung gefragt.
»Märchenhaft«, das war alles, was ich sagen konnte.
Tanja war es mir wert, und das war mein Weg, es ihr zu sagen. Für mich, da ich keinen Platz mehr in meiner Reisetasche hatte, kaufte ich nichts, ich nahm aber von ihr zwei Unterwäschegarnituren an, die waren mir zu bunt und besonders die Unterhosen ganz bestimmt zu eng.
Die nahm ich aber dankend an, weil die von ihr kamen und sie die auch ausgesucht hatte.
Mit unseren Einkauftaschen gingen wir sofort zurück ins Hotel, wo sie die neue Sachen noch einmal anprobierte wollte.
Die Zeit, die ich mit ihr zusammen verbringen durfte, verging wie im Flug, wir gingen durch die Stadt, gingen irgendwo Eis essen, einmal brachte ich sie auch in die kleine Fischerkneipe am Hafen, um gebratenen Fisch und Muscheln zu essen, die Stunden aber gingen immer zu schnell vorbei.
Am Sonntagmorgen gegen neun Uhr schaffte es eine widerspenstige Tanja sogar, mich aus dem Bett zu werfen und in eine Kirche zu schleppen.
Sie bestand darauf, weil es eben Sonntag war, und so fanden sich eine russische Orthodoxin und ein römischer Christ an dem Morgen in einer griechisch-orthodoxen Kirche im Gebet vereint.
»Beichten gehen wir aber nicht«, hatte ich ihr ins Ohr geflüstert, als wir die Kirche betraten.
Als Antwort bekam ich ihren Ellbogen auf meinen Rippen zu spüren, so hielt ich von da an vorsichtshalber die Klappe.
Zu Mittag aßen wir im Hotel, das auch eine sehr gute Küche vorweisen konnte, erst spät am Abend gingen wir, um wieder Kräfte zu sammeln, zurück ins Restaurant am Hafen, um wieder gleich nach dem Essen zurück ins Hotel zu gehen, denn wir waren wie voneinander besessen und konnten nie genug voneinander bekommen.
Unser letzter gemeinsamer Tag fing für mich mit einem kleinen Schock an, denn als ich gegen halb zehn aufwachte, lag Tanja nicht wie gewohnt neben mir, und ich musste wieder mal nachdenken, wo zum Teufel ich war.
Erst als ich den Zettel auf ihrem Kopfkissen fand und ihn las, erinnerte ich mich, wo ich war und warum. Sie war kurz ins Dorf gefahren, um ihre restlichen Sachen zu holen, so stand es auf dem Zettel, da wurde ich wieder ruhig und schlief sofort wieder ein.
Erst gegen Mittag, gerade als ich rasiert und geduscht aus dem Badezimmer kam, betrat Tanja unser Zimmer wieder. Sie hatte einen großen Koffer bei sich, den sie neben die Tür stellte. Danach hängte sie das „Bitte nicht stören“-Schild draußen an die Tür und machte das Schott hinter sich dicht.
»Hallo, alter Bär, hast du mich vermisst?«, fragte sie lächelnd, als sie sich an mich schmiegte.
»Nicht nur das, Kleine, als ich aufwachte und du nicht da warst, wusste ich für einen Moment noch nicht mal, wo ich war. Jetzt, wo du hier bist, ist aber alles wieder in Ordnung«, antwortete ich und streichelte ihr sanft übers Haar.
»Ich hab schnell meine Sachen im Dorf geholt, ich war auch kurz bei Stella, sie und deine Freunde lassen dich grüßen«, sagte sie, bevor sie sich blitzschnell auszog und mich wildentschlossen aufs Bett drückte.
»Heute gehen wir beide nirgendwo mehr hin, ich will nur noch mit dir allein sein«, wisperte sie mir ins Ohr.
»Das überlebe ich nicht«, dachte ich und schloss sie in meine Arme.
Wir ließen erst gegen 18 Uhr voneinander ab, wir hatten Hunger, und so ließ ich uns das Abendbrot aufs Zimmer bringen.
Später noch, gegen 22 Uhr, bestellte ich beim Zimmerservice eine Flasche Sekt und zwei Pizzas, wir waren ruhig geworden, wir wussten, dass unsere gemeinsame Zeit unwiderruflich für immer bald zu Ende sein würde, und das stimmte uns beide ein bisschen traurig.
Es war schön mit ihr gewesen, fast so unrealistisch wie die ganze El Castillo-Geschichte, mir war vollkommen klar, dass unsere Wege sich für immer trennen würden und mussten, aber ich wünschte mir trotzdem, dass ich, wenn auch nur ein paar Tage noch, die Kraft gehabt hätte, die Zeit stoppen zu können.
Mit meinen Gedanken spielte ich die Möglichkeit durch, sie noch für ein paar Tage für mich zu behalten, mit ihr nur für eine Weile noch durch Athen auf Entdeckungsreise zu gehen, ihr die Akropolis zu zeigen.
Dafür brauchten wir nur bei Olympic Airways anzurufen und unsere Flüge umbuchen zu lassen.
Sie aber wollte nach Hause und hatte bestimmt Heimweh, sie war seit über sechs Monaten von zu Hause weg, und mir war klar, dass sie nur noch heim wollte, zu ihren Eltern, ihren Freunden, und warum denn nicht, auch zu ihrem gleichaltrigen Andrej, den sie bald heiraten wollte.
Ein Kind von Traurigkeit war sie nicht.
Sie war aber geblendet worden und falls sie wiederkommen würde, was ich aber keineswegs mehr glaubte, dann wäre sie dort gelandet, wo die Biedermänner und Moralprediger dieser Welt − je nach sozialem Status − sich immer treffen, um ihren Perversitäten an Mädels wie ihr freien Lauf zu gewähren.
Zuerst in den Foyers guter Hotels, dann als letzter Zuflucht auf der Straße in billigen Absteigen und Bahnhofshinterhöfen.
Der Zufall hatte uns zusammengeführt: Der gestrandete Seemann auf Heimreise und die UNO-Zwangshure auf dem Heimweg hatten sich getroffen, der Zufall hatte sie für eine Weile zusammengeführt und das Leben brachte sie auseinander.
»Ich bin wirklich kein gutes Mädchen gewesen, Franco, meine Mutter würden mich umbringen, wenn sie erfahren würde, dass ich für Geld mit Männern geschlafen habe, ich dachte, ich sollte als Kellnerin arbeiten. Am Anfang war es auch so, am Ende aber landete ich als Hure für UNO-Soldaten und zahlungskräftige Dorfpaschas im Bett. Nur mit dir war es schön, alter Bär, du hast mir wieder Hoffnung gegeben und meine Ehre für mich wiedergefunden. Nein, mach dir keine Sorgen um mich, Franco, Andrejs Freunde beim Zoll am Flughafen, die warten schon auf mich, mir wird nichts geschehen, ich werde nicht zurückkommen. «
Die Hure und der Seemann waren im Grunde genommen gleich, sie waren beide in einen Teufelskreis geraten, und obwohl beide dabei gut verdient hatten, hatten sie sich beide gegen den Teufelskreis gestemmt und wollten nun gemeinsam wieder rausgehen.

Ich erzählte ihr von mir, von meinem Leben auf See, und wie ich fast nur von den Schiffen und für die Schiffe gelebt hatte, wie ich alles hinter mir ließ und in den Eingeweiden der Seefahrt verschwand.
Wie ein Spiel fing mein Leben auf dem Meer an, ich erklärte ihr, wie wir alle, meine Kollegen und ich, von einer Unzahl Seefahrtszuhältern tag¬aus, tagein ausgenutzt und ohne Gnade ausgenommen worden waren und alles im Namen der christlichen Seefahrt. Und nun, wo es fast keine traditionsreichen Reedereien mehr gab, benahmen wir uns auch wie ein Haufen Huren, die ihren Körper an den Meistbietenden verkaufen. Wir waren im Grunde genommen auch ohne Halt, unsere Würde hatte man uns seit Langem schon abgenommen und weggeworfen. Wir waren auch nur noch Mittel zum Zweck für Banken, fragwürdige Schiffs¬makler und Schiffsmanagements, lästige, notwendige Huren, Spielbälle ihrer Geldsucht und nicht mehr als das.
Spät am Abend schliefen wir wie Bruder und Schwester brav und friedlich nebeneinander ein, in dieser, unserer letzten gemeinsamen Nacht dachten wir nicht an Sex. Tanja würde ein neues Leben anfan¬gen, wo kein Platz mehr für alte Bären war und ich war mit meinen Gedanken nur Gott weiß wo, so leer und ohne Perspektive kam ich mir vor. Rechtzeitig waren wir beide gegen 10 Uhr morgens am Flughafen. Nach dem Frühstück im Hotel an der Rezeption, als ich meine Rechnung begleichen wollte, hatte ich eine angenehme Überraschung, denn die Rechnung war von dem Agenten übernommen worden, er ließ uns beiden einen angenehmen Flug und alles Gute wünschen und das war‘s.
In einen Briefumschlag hatte ich 500,- DM gesteckt und ihn Tanja ge¬geben, sie wollte das Geld nicht haben, als ich ihr aber erklärte, dass das Geld für ihr Brautkleid gedacht war, bekam sie kurz Tränen in den Au¬gen und küsste mich sanft auf den Mund und nahm es an.
Der kurze Flug nach Athen startete planmäßig und verlief ruhig, nach der Landung brachte ich Tanja zur Passkontrolle. Unser Abschied war knapp und schmerzlos.
»Ich werde dich nie vergessen, du alter Bär«, hatte mir Tanja mit Tränen in den Augen gesagt.
»Ich dich auch nicht, Kleines«, hatte ich ihr, nicht ganz Herr über meine Stimme, geantwortet.
Das Allerletzte, was ich von ihr sah, war ihr blondes Haar, das im Gewühl der anderen Fahrgäste verschwand. Das war Tanja, meine Tanja, die mit erhobenem Haupt ihrem neuen Leben entgegenging.

Mein Flug nach Amsterdam dauerte knapp zwei Stunden und gegen 18 Uhr landeten wir auf Schiphol.
In der sicheren Annahme, dass, sobald ich am Tag danach nach Amsterdam anrufen würde, man mir von dem Abruf der Operation Bescheid geben würde, ging ich, sobald ich in Rotterdam war, direkt mit dem Taxi zur Algarve Pension und nicht in die Verschwiegenheit eines Novotel, sowie der Eumel mir das vorgeschlagen hatte.
Von wegen, in dem Bermudadreieck war ich sicher, dort hatte ich viele Freunde und im Algarve-Hotel, im Bermuda-Dreieck, war ich noch sicherer als in Abrahams Schoß.
Diese gewaltige Stadt, diese wunderbare Hure, diese pulsierende Me¬tropole hatte mich wieder, wenn auch nur für ein paar Tage war ich mittendrin in diesem grandiosen Puff und ich freute mich sehr darüber.
An dem Abend ging ich nirgendwohin, ich blieb im Hotel an der Bar und erst gegen 23 Uhr dann, nach einem kleinen Imbiss, ging ich schlafen.
Alter Bär hin oder her, Tanja hatte mich ganz schön abgeschafft und für eine winzig kleine Sekunde fühlte ich mich ohne sie, wie seit einigen langen Ewigkeiten nicht mehr, allein und verwundbar.
Im Stillen wünschte ich ihr noch einmal alles Gute und schlief ein.

ENDE