Donnerstag, 31. Dezember 2009

TANJA

Aus “DER FALL MS. EL CASTILLO“ ISBN 3-86516-375-0

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück im Hotel gingen wir beide los, auf Entdeckungsreise durch die Stadt, wo ich für die nette und zuvorkommende Sekretärin einen Blumenstrauß kaufte. Vorsichtshalber hatte ich Tanja vorher darüber aufgeklärt, für wen die Blumen waren und warum, denn ich wollte an dem Tag auch noch kurz beim Agenten vorbeischauen und Auf Wiedersehen sagen.
Wir brauchten aber nicht bis zum Agentenbüro zu gehen, denn den trafen wir gerade, als er aus der Kaffeebar neben dem Biergarten am Hafen rauskam, und er lud uns zu einem Espresso ein.
»Gut, dass ich Sie treffe, Chief, denn ich wollte Sie sowieso heute bitten, mal kurz bei mir im Büro vorbeizuschauen, da hätte ich ein paar Fragen in Bezug aufs Schiff an Sie zu richten.«
Tanja merkte sofort, dass es um Arbeit ging und mit dem Vorwand, am Zeitungskiosk nebenan ein paar Ansichtskarten kaufen zu wollen, ließ sie uns zur großen Erleichterung des Agenten diskret allein.
»Was glauben Sie, was mit dem Schiff geschehen wird, Chief?«, fragte er in seiner direkten Art und Weise, sobald wir uns an einen Tisch gesetzt hatten.
Er hatte für mich einen Espresso bestellt und schaute mich fragend an.
»Abwarten, ich würde einfach in meinem Büro sitzen und warten, die Operation wird ganz bestimmt aufgrund des Zustands des Schiffes abgeblasen werden. Dieser Flug nach Rotterdam, um Sachen zu kaufen, die wir hier auch kaufen können, ist in meinen Augen nur ein Vorwand, mich loszuwerden. Der Kapitän hat keine andere Wahl mehr, entweder Kaufen oder Abblasen, er weiß, dass ich mich nicht für irgendeine andere Sache abgeben würde, also weg bin ich, und ich bin sogar sehr froh darüber.«
Er nickte vielsagend und wartete, bis der Kellner, der mir den Espresso brachte, wieder wegging
»Was würden Sie persönlich mit so einem Schiff machen, außer verschrotten natürlich?«, fragte er weiter.
»All die Schiffszertifikate sind dank dem einen Lloyds-Register-of-Shipping-Inspektor in Cabo Verde, für die nächsten vier Jahre auf dem Wrack für gültig gekürt worden. Also, ich würde das Schiff in dem Inselverkehr einsetzen und falls das Schiff nach einer Ladung Marmorböcke aus Kawallas zum Beispiel ein Leck bekommt und in zweitausend Meter Wassertiefe verschwindet, wird die Versicherung zahlen müssen. LRoS in Cabo Verde hat es ja bestätigt, dass das Schiff seetüchtig ist. Es wäre also ein „Act of God“, wie die Herren es in solchen Fällen zu formulieren pflegen, nicht wahr?«, antwortete ich eiskalt.
»Wie viel würden Sie für so ein Schiff zahlen, Chief?«, forschte der Agent weiter.
»30.000 US-Dollar wären fast viel zu viel, auf jedem Fall genug«, antwortete ich.
Der Hauch eines enigmatischen Lächelns ging über sein Gesicht, als er ein paar Drachmen auf dem Tisch legte und aufstand.
»Hier«, sagte ich, »ich habe mir erlaubt, für Ihre Sekretärin diesen Blumenstrauß zu kaufen, würden Sie bitte so nett sein, ihn ihr zu geben«, sagte ich, als ich ihm die Blumen überreichte.
Er nahm nickend die Blumen an sich: »Leben Sie wohl, Chief, schade, dass ich für Sie keine Verwendung habe, sonst würde ich Sie hier behalten wollen, glauben Sie mir«, sagte er noch und ging weg, gerade als Tanja wiederkam.
Mit ihr war ich kurz darauf wieder auf der Straße, wir hatten kein genaues Ziel, keine Eile, warum denn auch, so schlenderten wir langsam die Hauptstraße entlang, dort, wo die Geschäfte waren. Ohne Eile bummelten wir an den Schaufenstern entlang, bis wir an einem Herren- und Damenbekleidungsgeschäft standen und dort lotste ich sie hinein.
»Was sollen wir hier?«, fragte sie verdutzt.
»Etwas Schönes für dich kaufen, junge Dame. Was möchtest du denn haben, Jeans oder ein Kleid?
»Jeans wären mir lieber, denn Kleider kann ich mir selbst nähen«, erwiderte sie und peilte prüfend in die Gegend, bis sie die Damenabteilung fand und wie ein Kind in einem Spielwarengeschäft freudestrahlend dorthin ging.
Sie wusste, was sie wollte, in kurzer Zeit hatte sie sich ein paar rote Jeans ausgesucht und auch anprobiert.
»Passt genau«, sagte sie, als sie aus der Ankleidekabine rauskam und, um es mir zu zeigen, sich kokett um ihre eigene Achse drehte.
»Für schöne Frauen wie du, die in solchen engen Jeans durch die Straßen marschieren, sollte man am besten den Waffenschein einführen«, bemerkte ich bewundernd, »du siehst fabelhaft aus, Kleines, ich würde aber noch eine gelbe und eine schneeweiße dazu holen, die passenden Jacken und T-Shirts aber auch«, munterte ich sie auf.
Strahlend vor Freude und im Einkaufsfieber ging sie wieder los und dieses Mal nahm sie sich Zeit. Am Ende hatte sie alles ausgesucht und ausprobiert, mir alle drei Garnituren vorgeführt und nach meiner Meinung gefragt.
»Märchenhaft«, das war alles, was ich sagen konnte.
Tanja war es mir wert, und das war mein Weg, es ihr zu sagen. Für mich, da ich keinen Platz mehr in meiner Reisetasche hatte, kaufte ich nichts, ich nahm aber von ihr zwei Unterwäschegarnituren an, die waren mir zu bunt und besonders die Unterhosen ganz bestimmt zu eng.
Die nahm ich aber dankend an, weil die von ihr kamen und sie die auch ausgesucht hatte.
Mit unseren Einkauftaschen gingen wir sofort zurück ins Hotel, wo sie die neue Sachen noch einmal anprobierte wollte.
Die Zeit, die ich mit ihr zusammen verbringen durfte, verging wie im Flug, wir gingen durch die Stadt, gingen irgendwo Eis essen, einmal brachte ich sie auch in die kleine Fischerkneipe am Hafen, um gebratenen Fisch und Muscheln zu essen, die Stunden aber gingen immer zu schnell vorbei.
Am Sonntagmorgen gegen neun Uhr schaffte es eine widerspenstige Tanja sogar, mich aus dem Bett zu werfen und in eine Kirche zu schleppen.
Sie bestand darauf, weil es eben Sonntag war, und so fanden sich eine russische Orthodoxin und ein römischer Christ an dem Morgen in einer griechisch-orthodoxen Kirche im Gebet vereint.
»Beichten gehen wir aber nicht«, hatte ich ihr ins Ohr geflüstert, als wir die Kirche betraten.
Als Antwort bekam ich ihren Ellbogen auf meinen Rippen zu spüren, so hielt ich von da an vorsichtshalber die Klappe.
Zu Mittag aßen wir im Hotel, das auch eine sehr gute Küche vorweisen konnte, erst spät am Abend gingen wir, um wieder Kräfte zu sammeln, zurück ins Restaurant am Hafen, um wieder gleich nach dem Essen zurück ins Hotel zu gehen, denn wir waren wie voneinander besessen und konnten nie genug voneinander bekommen.
Unser letzter gemeinsamer Tag fing für mich mit einem kleinen Schock an, denn als ich gegen halb zehn aufwachte, lag Tanja nicht wie gewohnt neben mir, und ich musste wieder mal nachdenken, wo zum Teufel ich war.
Erst als ich den Zettel auf ihrem Kopfkissen fand und ihn las, erinnerte ich mich, wo ich war und warum. Sie war kurz ins Dorf gefahren, um ihre restlichen Sachen zu holen, so stand es auf dem Zettel, da wurde ich wieder ruhig und schlief sofort wieder ein.
Erst gegen Mittag, gerade als ich rasiert und geduscht aus dem Badezimmer kam, betrat Tanja unser Zimmer wieder. Sie hatte einen großen Koffer bei sich, den sie neben die Tür stellte. Danach hängte sie das „Bitte nicht stören“-Schild draußen an die Tür und machte das Schott hinter sich dicht.
»Hallo, alter Bär, hast du mich vermisst?«, fragte sie lächelnd, als sie sich an mich schmiegte.
»Nicht nur das, Kleine, als ich aufwachte und du nicht da warst, wusste ich für einen Moment noch nicht mal, wo ich war. Jetzt, wo du hier bist, ist aber alles wieder in Ordnung«, antwortete ich und streichelte ihr sanft übers Haar.
»Ich hab schnell meine Sachen im Dorf geholt, ich war auch kurz bei Stella, sie und deine Freunde lassen dich grüßen«, sagte sie, bevor sie sich blitzschnell auszog und mich wildentschlossen aufs Bett drückte.
»Heute gehen wir beide nirgendwo mehr hin, ich will nur noch mit dir allein sein«, wisperte sie mir ins Ohr.
»Das überlebe ich nicht«, dachte ich und schloss sie in meine Arme.
Wir ließen erst gegen 18 Uhr voneinander ab, wir hatten Hunger, und so ließ ich uns das Abendbrot aufs Zimmer bringen.
Später noch, gegen 22 Uhr, bestellte ich beim Zimmerservice eine Flasche Sekt und zwei Pizzas, wir waren ruhig geworden, wir wussten, dass unsere gemeinsame Zeit unwiderruflich für immer bald zu Ende sein würde, und das stimmte uns beide ein bisschen traurig.
Es war schön mit ihr gewesen, fast so unrealistisch wie die ganze El Castillo-Geschichte, mir war vollkommen klar, dass unsere Wege sich für immer trennen würden und mussten, aber ich wünschte mir trotzdem, dass ich, wenn auch nur ein paar Tage noch, die Kraft gehabt hätte, die Zeit stoppen zu können.
Mit meinen Gedanken spielte ich die Möglichkeit durch, sie noch für ein paar Tage für mich zu behalten, mit ihr nur für eine Weile noch durch Athen auf Entdeckungsreise zu gehen, ihr die Akropolis zu zeigen.
Dafür brauchten wir nur bei Olympic Airways anzurufen und unsere Flüge umbuchen zu lassen.
Sie aber wollte nach Hause und hatte bestimmt Heimweh, sie war seit über sechs Monaten von zu Hause weg, und mir war klar, dass sie nur noch heim wollte, zu ihren Eltern, ihren Freunden, und warum denn nicht, auch zu ihrem gleichaltrigen Andrej, den sie bald heiraten wollte.
Ein Kind von Traurigkeit war sie nicht.
Sie war aber geblendet worden und falls sie wiederkommen würde, was ich aber keineswegs mehr glaubte, dann wäre sie dort gelandet, wo die Biedermänner und Moralprediger dieser Welt − je nach sozialem Status − sich immer treffen, um ihren Perversitäten an Mädels wie ihr freien Lauf zu gewähren.
Zuerst in den Foyers guter Hotels, dann als letzter Zuflucht auf der Straße in billigen Absteigen und Bahnhofshinterhöfen.
Der Zufall hatte uns zusammengeführt: Der gestrandete Seemann auf Heimreise und die UNO-Zwangshure auf dem Heimweg hatten sich getroffen, der Zufall hatte sie für eine Weile zusammengeführt und das Leben brachte sie auseinander.
»Ich bin wirklich kein gutes Mädchen gewesen, Franco, meine Mutter würden mich umbringen, wenn sie erfahren würde, dass ich für Geld mit Männern geschlafen habe, ich dachte, ich sollte als Kellnerin arbeiten. Am Anfang war es auch so, am Ende aber landete ich als Hure für UNO-Soldaten und zahlungskräftige Dorfpaschas im Bett. Nur mit dir war es schön, alter Bär, du hast mir wieder Hoffnung gegeben und meine Ehre für mich wiedergefunden. Nein, mach dir keine Sorgen um mich, Franco, Andrejs Freunde beim Zoll am Flughafen, die warten schon auf mich, mir wird nichts geschehen, ich werde nicht zurückkommen. «
Die Hure und der Seemann waren im Grunde genommen gleich, sie waren beide in einen Teufelskreis geraten, und obwohl beide dabei gut verdient hatten, hatten sie sich beide gegen den Teufelskreis gestemmt und wollten nun gemeinsam wieder rausgehen.

Ich erzählte ihr von mir, von meinem Leben auf See, und wie ich fast nur von den Schiffen und für die Schiffe gelebt hatte, wie ich alles hinter mir ließ und in den Eingeweiden der Seefahrt verschwand.
Wie ein Spiel fing mein Leben auf dem Meer an, ich erklärte ihr, wie wir alle, meine Kollegen und ich, von einer Unzahl Seefahrtszuhältern tag¬aus, tagein ausgenutzt und ohne Gnade ausgenommen worden waren und alles im Namen der christlichen Seefahrt. Und nun, wo es fast keine traditionsreichen Reedereien mehr gab, benahmen wir uns auch wie ein Haufen Huren, die ihren Körper an den Meistbietenden verkaufen. Wir waren im Grunde genommen auch ohne Halt, unsere Würde hatte man uns seit Langem schon abgenommen und weggeworfen. Wir waren auch nur noch Mittel zum Zweck für Banken, fragwürdige Schiffs¬makler und Schiffsmanagements, lästige, notwendige Huren, Spielbälle ihrer Geldsucht und nicht mehr als das.
Spät am Abend schliefen wir wie Bruder und Schwester brav und friedlich nebeneinander ein, in dieser, unserer letzten gemeinsamen Nacht dachten wir nicht an Sex. Tanja würde ein neues Leben anfan¬gen, wo kein Platz mehr für alte Bären war und ich war mit meinen Gedanken nur Gott weiß wo, so leer und ohne Perspektive kam ich mir vor. Rechtzeitig waren wir beide gegen 10 Uhr morgens am Flughafen. Nach dem Frühstück im Hotel an der Rezeption, als ich meine Rechnung begleichen wollte, hatte ich eine angenehme Überraschung, denn die Rechnung war von dem Agenten übernommen worden, er ließ uns beiden einen angenehmen Flug und alles Gute wünschen und das war‘s.
In einen Briefumschlag hatte ich 500,- DM gesteckt und ihn Tanja ge¬geben, sie wollte das Geld nicht haben, als ich ihr aber erklärte, dass das Geld für ihr Brautkleid gedacht war, bekam sie kurz Tränen in den Au¬gen und küsste mich sanft auf den Mund und nahm es an.
Der kurze Flug nach Athen startete planmäßig und verlief ruhig, nach der Landung brachte ich Tanja zur Passkontrolle. Unser Abschied war knapp und schmerzlos.
»Ich werde dich nie vergessen, du alter Bär«, hatte mir Tanja mit Tränen in den Augen gesagt.
»Ich dich auch nicht, Kleines«, hatte ich ihr, nicht ganz Herr über meine Stimme, geantwortet.
Das Allerletzte, was ich von ihr sah, war ihr blondes Haar, das im Gewühl der anderen Fahrgäste verschwand. Das war Tanja, meine Tanja, die mit erhobenem Haupt ihrem neuen Leben entgegenging.

Mein Flug nach Amsterdam dauerte knapp zwei Stunden und gegen 18 Uhr landeten wir auf Schiphol.
In der sicheren Annahme, dass, sobald ich am Tag danach nach Amsterdam anrufen würde, man mir von dem Abruf der Operation Bescheid geben würde, ging ich, sobald ich in Rotterdam war, direkt mit dem Taxi zur Algarve Pension und nicht in die Verschwiegenheit eines Novotel, sowie der Eumel mir das vorgeschlagen hatte.
Von wegen, in dem Bermudadreieck war ich sicher, dort hatte ich viele Freunde und im Algarve-Hotel, im Bermuda-Dreieck, war ich noch sicherer als in Abrahams Schoß.
Diese gewaltige Stadt, diese wunderbare Hure, diese pulsierende Me¬tropole hatte mich wieder, wenn auch nur für ein paar Tage war ich mittendrin in diesem grandiosen Puff und ich freute mich sehr darüber.
An dem Abend ging ich nirgendwohin, ich blieb im Hotel an der Bar und erst gegen 23 Uhr dann, nach einem kleinen Imbiss, ging ich schlafen.
Alter Bär hin oder her, Tanja hatte mich ganz schön abgeschafft und für eine winzig kleine Sekunde fühlte ich mich ohne sie, wie seit einigen langen Ewigkeiten nicht mehr, allein und verwundbar.
Im Stillen wünschte ich ihr noch einmal alles Gute und schlief ein.

ENDE

Donnerstag, 3. Dezember 2009

TANJA

Aus MSKPT n° 1 DER FALL MS. EL CASTILLO. ISNB 3-86516-375-0
Aus der Reihe: Ein Haufen von Vollidioten ist am Werk.

»Wir benehmen uns wie ein altes routiniertes Ehepaar, du alter Bär«, sagte
sie, als sie sich ganz fest an mich presste.
»Ich fühle mich bei dir geborgen, jetzt, wo ich hier bei dir bin, hab ich
keine Angst mehr, du musst dich aber jetzt unbedingt rasieren, dein Bart ist
zu lang.«
Sie ließ von mir ab und singend ging sie aus dem Zimmer und schloss die Tür
hinter sich zu.
Fein rasiert kam ich kurze Zeit später aus dem Badezimmer, Tanja saß auf dem
Bett und schaute sich MTV an, so dachte ich zuerst, dann, bei näherem
Betrachten, merkte ich, dass die Kleine vorm Fernseher mit der Fernbedienung
in der Hand eingeschlafen war.
Es war noch früh am Tag, es war gerade 16 Uhr, also legte ich mich auch aufs
Bett, ließ aber die Glotze an und nach einer Weile war ich auch
eingeschlafen.
Ich erwachte erst gegen 20 Uhr, als Tanja aufstand, um ins Badezimmer zu
gehen.
Sie blieb vor der Tür stehen und lächelte mich an.
»Hast du auch Hunger, Franco?«, fragte sie.
»Und wie, Tanja, wir sollten doch irgendwo essen gehen.«
In der Tat, ich hatte einen Mordshunger und erst dann merkte ich, dass ich
immer noch in Unterhosen war und dass mir kalt war.
»Ich mach mich nur ein bisschen frisch, dann können wir losgehen«, erklärte
sie mir, als sie im Badezimmer verschwand.
Das „Ein-bisschen-frisch-Machen“ dauerte bei Tanja eine glatte halbe Stunde,
ich hatte mich mittlerweile angezogen und in der Zwischenzeit zwei
Zigaretten geraucht, als sie endlich aus dem Badezimmer kam.
Das Warten hatte sich aber wirklich gelohnt, denn sie hatte sich in der
kurze Zeit von einer hartgesottenen Bardame für UNO-Matrosen auf Landgang zu
einer feinen unbekümmerten jungen Dame gewandelt.
Sie hatte sich die Haare zum Pferdeschwanz zurecht gemacht, sich leicht
geschminkt und hatte auf ihren Lippen einen hauchdünnen leicht roten
Lippenstift aufgetragen, sie sah blendend und jung aus, so jung und so
frisch, dass mir fast der Hunger verging.
Ich stand aus dem Sessel auf und ging auf sie zu, ich wollte sie umarmen,
gekonnt ging sie aber beiseite, mit ihrer linken Hand öffnete sie die
Badezimmertür, mit der rechten zeigte sie mir lächelnd und ohne ein Wort zu
sagen den Weg ins Zimmer. Ohne zu knurren und ebenfalls lächelnd ging ich
hinein, um mich selbst etwas zu erfrischen.
Fünf Minuten später war ich wieder bei ihr und wollte sie wieder umarmen,
aber auch dieses Mal ging sie flink beiseite.
»Ich dachte, dass wir jetzt essen gehen wollten, njet, Liebe, du musst
essen, sonst gehst du mir heute Nacht noch kaputt, du alter Bär«, hatte sie
gesagt, als sie den Fernseher ausschaltete, ihre Handtasche nahm und
energisch zur Tür ging.
Was blieb mir anders über, als ihr zu folgen?
»Du kleine Tiger, du hast gewonnen und ich freue mich, dass du hier bist«,
flüsterte ich ihr ins Ohr, als wir im Lift waren und ich sie sanft ins Ohr
küsste.
»Wo gehen wir hin?«, fragte mich das strahlende Biest, als wir im Fahrstuhl
unterwegs nach unten waren. «Kräfte sammeln, du kleine Tiger«, hatte ich ihr
lächelnd geantwortet, und darauf fingen wir beide an zu lachen.
Die Kleine hatte doch unseren kleinen harmlosen Flirt von eben gewonnen, und
sie wusste das. »Ich freue mich aber am meisten.« Ich freue mich aber am
meisten, hatte sie mir immer noch freudestrahlend gekontert.
»Du bist nun mal ein kleiner Tiger, Tanja, du weißt genau, dass du mich
zerfleischen kannst, darum freust du dich.«
Lächelnd krallte sie ihre Hände vor meinem Gesicht, küsste mich sanft auf
die Wange und fauchte ebenso wie ein kleiner Tiger mir leise ins Gesicht.
»Lass uns essen gehen, Franco, ansonsten überleben wir es beide nicht«,
sagte sie gerade noch, als der Lift unten bei der Rezeption stehen blieb.
Beim Hinausgehen wechselte ich an der Rezeption500 DM in Drachmen, da die
Banken so spät am Abend geschlossen waren, und gleich darauf waren wir auf
der Straße.
Hand in Hand wie zwei sorglose Kinder gingen wir auf Entdeckungsreise zum
Hafen runter und ließen uns von dem Abendleben der Stadt einfach treiben.
Ohne Eile gingen wir an den vielen Geschäften vorbei, Tanja blieb fast bei
jedem der Schaufenster stehen, meistens aber bei Schuhen und Damenbekleidung
Anbieter von Schmuck und teuren Damentaschen schienen nicht ihr Interesse zu
erwecken, denn an diesen zog sie nach einem kurzen Blick einfach vorbei. Sie
ging immer sehr nah an die Schaufenster heran, erfasste all die Sachen mit
einem kurzen Blick und schaute sich kritisch nur die Teile an, die sie
wirklich interessierten und das waren einfach viele.
Farbige Sommerkleider, Hosen und T-Shirts, Miederwäsche und Dessous aller
Art schienen es ihr besonders angetan zu haben, denn sie blieb bei jedem
dieser Geschäfte − und da waren doch einige − einfach stehen.
Fasziniert schaute sie sich nur die besten Stücke an und zog dann mit mir im
Schlepptau weiter zu dem nächsten Laden.
Kurz vor dem Hafen kamen wir an einem Brautkleidergeschäft vorbei, ich
persönlich hätte das noch nicht mal gemerkt, sie aber blieb wie vom Blitz
getroffen vor dem großen Schaufenster stehen.
Dass etwas Merkwürdiges in ihr vorging, merkte ich erst, als sie meine Hand
auf einmal ganz fest drückte und mit weit aufgerissenen Augen die festlich
angezogenen Puppen anschaute.
Ein Schleier der Wehmut schien sich auf die junge Frau niederzulegen, sie
blieb für eine Weile da, unbeweglich wie eine Marmorstatue, mit ihren weit
aufgerissenen grünen Augen wie an das Brautkleid angeklebt und ging in
Gedanken durch diese weiße Kaskade von Seide und Chiffon, so schien es mir,
vielleicht bei ihr zu Hause, wo ihr Freund auf sie wartete.
Obwohl ich alter Hammel ein bisschen eifersüchtig auf jenen Unbekannten war,
spürte ich doch, dass die Mama-san im Dorf den Kampf um Tanja noch nicht für
sich entschieden hatte.
Tanja war bestimmt kein Kind von Traurigkeit, und wenn ich ehrlich sein
sollte, die Kleine war auf dem besten Weg, eine ausgekochte Lebedame zu
werden. Und Männer wie ich waren nicht ganz unschuldig daran, falls sie zu
einer werden würde. Ich könnte sie nicht für mich behalten, dafür war ich zu
bodenlos, ja, und auch zu alt und ohne allzu viel Zukunftsperspektive.
Diese Erkenntnis schmerzte mich ein bisschen, ich wollte sie aber nicht
kampflos in die Hände einiger skrupelloser Mädchenhändlerbanden überlassen,
die junge Frauen wie sie aus dem Osten mit falschen Versprechungen hier in
den Westen lockten, um sie dann erbarmungslos den obszönen Wölfen unserer
biederen Gesellschaft zum Fraß vorzuwerfen.
Langsam ließ der Druck auf meine Hand nach, ich hatte sie wieder, sie setzte
sich in Bewegung, wortlos und leise zog sie mich an der Hand hinterher.
»Du hast eben an Andrej gedacht, nicht wahr, Tanja?«
»Der Idiot«, antwortete sie nur leise, »aber heute bist du bei mir und ich
bin froh, dass es dich gibt, du alter Bär. Vergessen wir also Andrej, oder
bist du etwa auf ihn eifersüchtig?«, sagte sie mit ihrer jungen und
fröhlichen Stimme.
Mannomann, das kleine Biest blieb auf einmal mitten auf dem Bürgersteig
stehen und ohne auf die vielen Menschen, die am uns vorbeizogen, zu achten,
drehte sie sich zu mir und legte ihre Arme um meinen Hals herum.
»Mein alten Bär ist eifersüchtig«, hauchte sie mir ins Gesicht. Ihre Augen
strahlten, und ihr Gesicht erhellte sich, als sie mich sanft und kurz auf
den Mund küsste, zu einem breiten Ausdruck der Freude.
»Ich mag dich, du alter Bär, für die nächsten Tage bist du mein Mann und ich
bin mächtig stolz, wenn auch für ein paar Tage nur deine Frau zu sein.«
Und die Leute zogen an uns vorbei und wir schämten uns nicht, unsere
gegenseitige Zuneigung zu zeigen.
Am Hafen dann hatten wir uns eins der viele Lokale längs der Pier ausgesucht
und an einem Tisch draußen unter dem Laubendach Platz genommen.
Für uns hatte ich ein Drei-Gänge-Menü zusammengebastelt. Als Vorspeise hatte
ich eine Serie von verschiedenen Muscheln in allen Variationen, die das Haus
zu bieten hatte, gewählt.
Danach Fischsuppe und weiter einen großen Teller gegrillte Fische bestellt,
dazu den üblichen Salat mit Oliven und Feta-Käse.
Zum Trinken ließ ich mir vom Kellner einen leichten Weißwein empfehlen, und
als Aperitif nahmen wir beide einen Wodka mit frisch gepresstem Orangensaft.
Der Hafen war um die Zeit leer, alle Boote waren draußen aufs Meer zum
Fischfang gefahren, auch die italienische Jacht war nicht an ihrem
Ankerplatz, es war schon dunkel geworden, und der Abend war wie erwartet
recht angenehm warm.
Fast alle Tische im Lokal waren besetzt, mit dem bevorstehenden Osterfest
hatte der Touristenstrom angefangen, viele Leute spazierten wohl auf der
Suche nach einem freien Platz zum Essen hin und her, und auch die Promenade
am Hafen war genauso wie die Restaurants rammelvoll.
Die Menschen hatten aber die Qual der Wahl, es gab viele gute Restaurants,
und obwohl im Grunde genommen alle dieselben appetitlichen und einladenden
Speisen boten, die Preise waren nicht gerade, besonders wenn die
Urlaubskasse kurz bemessen war, als appetitlich einladend zu bezeichnen,
denn die waren genauso unverschämt teuer wie in Nordeuropa.
Mir war es aber egal, dem zum einen hatte ich Tanja bei mir, und zweitens
hatte ich ja das nötige Kleingeld dafür in meiner Tasche, also zum Kuckuck
noch mal, wozu knauserig sein?
»Es ist schön hier mit dir zu sein«, bemerkte Tanja, als sie sich neugierig
umschaute, »ich bin zum ersten Mal hier, denn abends hatte ich nie Zeit
auszugehen, so habe ich es mir aber vorgestellt, hier ist es ganz anders als
bei mir zu Hause, dort ist alles so dunkel, und die Menschen trinken zu
viel« ,sagte sie noch mit leiser Stimme.
»Es ist aber nicht immer so, dieser Menschen hier sind Touristen. Sie kommen
überwiegend aus dem Norden Europas und genauso wie bei dir zu Hause haben
die auch nicht immer so ein herrliches Wetter und die können es sich daheim
auch nicht jeden Tag leisten, im Restaurant essen zu gehen. Für ein paar
Wochen Urlaub haben die alle das ganze Jahr hart gearbeitet und gespart,
manche haben sogar, um hierher kommen zu können, einen Kleinkredit bei ihrer
Bank aufgenommen, das kannst du mir ruhig glauben, Tanja, es ist nicht alles
aus purem Gold, was glänzt.«
»Hier ist es aber alles viel besser als bei mir zu Hause«, antwortete die
Kleine trotzig.
»Ja, das mag sein, und in vielen Einsichten hast du ja sogar Recht, lass dir
aber nicht von all diesen bunten Lichtern den Kopf verdrehen, Kind, schau
mal lieber auf das, was die Leute essen, was siehst du da? Es sind lauter
billige Pizzas, Salate mit Käse, billige offene Weine und reichlich Brot mit
Kräuterbutter, mehr nicht, es gibt ein paar Gäste, die sogar Pizza mit Brot
und Kräuterbutter als Beilage bestellt haben, diese letzten sind allerdings
Engländer«, bemerkte ich noch amüsiert, als ich sah, dass in der Tat einige
Gäste Pizza mit Brot und Kräuterbutter als Beilage bestellt hatten.
Sie trank einen Schluck aus ihrem Glas, und während sie sich eine Zigarette
anzündete, schauten sie sich ein bisschen um.
»Du hast Recht, Franco, so hatte ich das nicht gesehen«, gab sie nach einem
flüchtigen Blick durchs Lokal zu.
»Besonders, bevor ich hierher kam«, setzte sie fort, »glaubte ich, dass die
Menschen hier im Überfluss leben, dass hier für wenig Geld alles zu haben
sei, dass die Leute hier auch Sorgen und Problemen wie wir im Osten haben
könnten, schien mir unrealistisch, fast unmöglich zu sein.«
Nachdenklich trank sie noch ein bisschen aus ihrem Glas und schaute sich
wieder die Menschen im Lokal genau an.
»Morgen Mittag werden wir hier im Hafen in einer Lokalkneipe essen gehen,
dort wirst du die wahren Gesichter von den Einheimischen kennen lernen,
jetzt ist der Hafen leer, morgen Mittage aber wirst du den Hafen voll mit
Booten finden. Nachts sind die alle draußen zum Fischen, die werden erst
morgen früh zurück sein, um wieder mal morgen Abend aufs Neue auszulaufen,
und das jeden Tag, das ganze Jahr hindurch.«
»Genauso wie bei mir zu Hause«, bemerkte sie, »ich glaube, ich begreife, was
du mir sagen willst, Franco, du meinst, obwohl hier im Westen alles zu haben
ist, nicht jeder sich all das leisten kann. Auch bei mir zu Hause ist es
seit einiger Zeit so: Alles ist zu haben, aber nur die wenigsten können sich
das leisten. Ist es das, was du mir sagen willst, alter Bär? «
Die Kleine war jetzt wirklich am Nachdenken, und das war gerade das, was ich
bei ihr erreichen wollte. »Du willst also, dass ich nicht wiederkomme, nicht
wahr? Du willst, dass ich zu Hause bleibe und Andrej heirate und nicht mehr
die Hure spiele, ist ess nicht so?
»Noch bist du keine Hure, Tanja.«
»Ich stehe aber kurz davor, eine zu werden.«
»Falls du wiederkommst, dann bist du verloren.«
Der Kellner brachte uns den Wein und beendete somit für eine Weile unser
Gespräch. Er öffnete die Flasche bei uns am Tisch, schnupperte kurz am
Korken und ging wortlos mit der Flasche zurück ins Lokal.
»Und wo geht er jetzt damit hin?«, fragte sie leise ziemlich überrascht und
belustigt, als sie dem Kellner nachschaute, der samt Flasche im Lokal
verschwunden war.
»Der Korken, der hat bestimmt nach Essig gerochen, der wird gleich mit einer
anderen Flasche wiederkommen«, erklärte ich ihr gerade, als der Mann erneut
mit einer Flasche in der Hand bei uns an den Tisch kam.
Die zweite Weinflasche war in Ordnung, gut temperiert und richtig leicht und
süffig, genauso, wie ich es mir gewünscht hatte. Nach der Kostprobe nickte
ich dem Kellner dankend zu und bat ihn, als ich mit meiner Hand auf Tanjas
Glas zuerst zeigte, uns die Gläser aufzufüllen.
Wir hatten gerade etwas von dem Wein getrunken, als derselbe Kellner dieses
Mal mit unserem Essen wieder zu uns an den Tisch kam.
Er schob einen Rolltisch vor sich her, und Tanja schaute überrascht zu, wie
der Mann ein paar dampfende Schüsseln voll mit Muscheln aller Art vor uns
auf den Tisch stellte. Einige Schüsseln mit verschiedenen Soßen kamen noch
dazu, zusammen mit einem leeren Teller für die Muschelschalen.
Unser Tisch war aber zu klein, so ließ er kurzerhand den rollenden Tisch
neben unserem stehen, wo sich noch eine Flasche Mineralwasser, das Brot und
die Kräuterbutter zusammen mit unseren Wassergläser befanden und schon
hatten wir einen größeren Tisch.
Erst dann merkte der Gute, dass wir weder Essbesteck noch Teller vor uns
hatten. Etwas verlegen marschierte er wieder ins Lokal und kam kurz darauf
mit unserem Essgeschirr zurück. Unser Tisch war somit gedeckt, ich bedankte
mich, er wünschte uns guten Appetit und ließ uns allein.
»Bei mir zu Hause hätten die Männer bestimmt nicht zugelassen, dass der
Kellner die Weinflasche vorhin weggenommen hätte, die hätten den Wein
trotzdem getrunken«, bemerkte Tanja mit Humor, als sie noch etwas von ihrem
Wein trank, dann aber nahm sie gekonnt meinen Teller und legte mir wahllos
einige Löffel Muscheln drauf.
Da war wirklich fast alles, was das Mittelmeer an Schalentieren zu bieten
hat, alles in Tomatensoße gekocht oder gedünstet, ich hatte die Soßen in den
Schalen kurz vorher geschmeckt und Tanja wegen ihrer Schärfe gewarnt. »Mach
dir keine Sorgen, alter Bär, meine Großmutter stammt aus Ungarn«, hatte sie
mir darauf lächelnd geantwortet, als sie mir den gefüllten Teller zurückgab.
Bevor wir zu essen anfingen, tranken wir unsere Weingläser leer und als der
Kellner, der gerade vorbeikam, das sah, füllte er sie uns sofort wieder auf
und stellte daneben auch zwei Gläser mit Mineralwasser.
»Mein Magen ist richtig am Knurren«, ließ Tanja mich wissen, bevor sie sich
über ihre Muschel hermachte.
Sie ließ es sich besonders schmecken, sie war wie elektrisiert, sie wirkte
fröhlicher und ausgelassener als sonst, sie wirkte nicht mehr wie eine
Bardame, die für Geld mit UNO-Soldaten trank und schlief, nein, die Kleine
strahlte auf einmal Zufriedenheit und Zuverlässigkeit zugleich aus, sie
wirkte wie jede junge Dame dieser Welt, wenn sie sich geborgen und sicher
fühlt.
Die Kleine musste wirklich einen Mordshunger gehabt haben, denn ich hatte
grade die Hälfte meiner Muscheln gegessen, als sie ihren Teller schon wieder
mit Lust und gute Laune auffüllte.
»Die da«, sagte sie belustigt und freudig zugleich, »diese kleinen Weißen
da, die schmecken mir am besten.« Sie zeigte dabei auf zwei kleine
Perlmuscheln auf meinem Teller und wie ein kleines Mädchen kichernd fischte
sie eine davon auf.
Mit Genuss aß sie die kleine Muschel auf und holte sich gleich darauf
lächelnd die zweite von meinem Teller.
So merkte ich, dass sie gerne Schalentiere aß und beschloss daraufhin, das
Menü zu wechseln.
Der Kellner kam auf mein Zeichen zu uns an den Tisch, zuerst orderte ich
noch eine Flasche von demselben Weißwein, danach bestellte ich die
Fischsuppe und die gegrillten Fische ab und bestellte stattdessen einen
Teller Hummerschwänze und noch mehr Muscheln für uns.
Als der Kellner mit der neuen Bestellung wegging, widmete ich mich meiner
neuen Lieblingsbeschäftigung, nämlich Tanja beim Essen zuzusehen.
»Schade, dass du Montag wegfliegst, wir hätten ansonsten bis Dienstag
zusammenbleiben können, nicht wahr?«
»Bist du sicher, dass du Dienstag wegfliegst, Tanja?«
»Ja, das bin ich, der Flug ist für Dienstagmorgen schon gebucht worden und
das Ticket liegt schon am Flugschalter«, bestätigte sie mir.
»Ja, dann werden wir wohl zusammen bis Athen fliegen, ich habe heute bei
Stella in der Alexandra Bar mit dem Agenten telefoniert und meinen Flug von
Montag auf den Dienstag umbuchen lassen.« Sie schaute mich nur an, blieb für
einen Moment stumm, dann aber wurde sie ernsthaft, nicht erbost, nur ernst.
»Und das sagst du mir erst jetzt, einfach so beim Essen? Ich war fast den
ganzen Abend innerlich traurig, weil ich der Meinung war, dass du Montag
wegfliegen würdest und ich alleine hier blieb. Das war nicht nett von dir.
Franco, du hättest es mir auch gleich heute Morgen sagen können, nicht wahr?
«
»Ich wollte dir nur nett überraschen«, antwortete ich etwas verwirrt
»Ach so, du wolltest mich überraschen? Gratuliere, alter Bär, das hast du
geschafft, diese angenehme Überraschung ist dir restlos gelungen, und ich
muss dir sagen, dass ich mir sehr darüber freue«, sagte sie, während sie
überm Tisch meine Hand streichelte.
»Du freust dich also?«, fragte ich vorsichtig.
»Und wie! Wir sind einen Tag und eine Nacht länger zusammen, klar, dass ich
mich freue, Franco, wo denkst du denn hin?«
»Ja, dann ist ja alles klar«, antwortete ich nicht so ganz überzeugt.
»Du klingst aber nicht so ganz überzeugt, alter Bär, was ist mit dir auf
einmal los?«, fragte sie lächelnd.
»Ich weiß es nicht so genau, Tanja, aber ich glaube, dass du etwas im
Schilde führst.«
Die Kleine hatte sich, während wir sprachen, noch einen Teller Muschel
genehmigt und schaute mich, während sie aß, über ihren Tellerrand hinweg
neugierig an.
»Du magst Überraschungen, nicht wahr, Franco?« Ich hielt es für besser,
jetzt die Klappe zu halten, so nickte ich nur und wartete ab.
»Gut, du alter Bär, ich auch und ich habe jetzt eine tolle Überraschung für
dich. Was würdest du sagen, wenn ich heute Nacht njet sagen würde?« Das
sagte sie einfach so, während sie ihre Muscheln aß und mich dabei über den
Tellerrand hinweg mit ganz unschuldigen Augen anschaute.
»Und du würdest dich dabei freuen?«, antwortete ich geistesgegenwärtig.
Lächelnd nahm sie meinen Teller, der leer vor mir stand, füllte ihn mit
reichlichen Muscheln und stellte ihn wieder vor mir auf den Tisch.
»Komm, alter Bär, iss, denn du musst zu Kräften kommen,« sagte das kleine
Biest immer noch lächelnd.
Anerkennend klatschte ich ihr leise Beifall, und während ich unsere Gläser
noch einmal nachfüllte, schenkte ich ihr über den Tisch hinweg einen kurzen
kleinen dankenden Kuss.
»Komm bloß nie wieder hierher, Tanja, tu uns das bitte nicht an, dafür bist
du viel zu schade«, beschwörte ich sie.
»Du machst dir wirklich um mich Sorgen, nicht wahr, Franco?«
»Ja, Tanja, ich mach mir wirklich Sorgen um dich, ich will dich auf dem Flug
zurück nach Hause sehen, auch darum bleibe ich hier bei dir, bist du im
Flieger sitzt und dass du mir ja nicht wiederkommst, okay?«
Die Kleine nahm ihr Weinglas und prostete mir zu, ich tat dasselbe mit
meinem und wir tranken von dem frischen Wein, ohne uns aus den Augen zu
lassen.
»Andrej wird den wahren Grund, warum er mich so schnell heiraten kann,
niemals erfahren, denn du bist der Grund, du alter Bär, du hast mich
überzeugt. Nein, ich werde nicht wiederkommen, das verspreche ich dir«,
sagte sie leise, während sie unsere Weingläser wieder auffüllte.
»Meine wilde Zeit geht mit dir zu Ende, zu Hause will ich nur noch Ehefrau
und vielleicht Mutter sein. Mein Medizinstudium werde ich auch aufnehmen, du
bist hier im Westen mein letzter Mann, Franco.«
»Dann hat der Schock mit mir doch gewirkt, nicht wahr, Tanja?«, antwortete
ich ganz trocken.
Sie überlegte kurz, was ich wohl damit meinen könnte, brach dann aber im
Restaurant in ein schallendes, ein helles, frisches Lachen inmitten der
Gäste aus, und jeder, Personal inklusive, drehte sich um, um diese junge
Frau zu bewundern, die, mit ihrem Kopf nach hinten gelegt, mit Tränen in den
Augen, so herzhaft jung und frei lachen konnte.
Nach und nach wurden unsere restlichen Bestellungen serviert, eine war
besser als die andere, beim Essen nahmen wir uns Zeit, denn die hatten wir
ja.
Am Ende hatten wir drei Flaschen Wein getrunken, und beim Kaffee und Cognac
waren wir restlos zufrieden.
Gegen elf Uhr gingen wir langsam zurück ins Hotel, denn wir wollten nur noch
allein sein.
»Ich will nur noch deine Frau sein, Franco, für nur drei Tage und in alle
Ewigkeit«, hauchte mir Tanja ins Ohr, als wir nach einem Bad im Bett lagen.
Und die wunderbare Verschwiegenheit der Nacht umhüllte uns und schirmte uns,
während wir uns in die Arme nahmen, von dem Rest dieser Welt ab.

Fortsetzung folgt.